antifaschistische union dortmund http://antifaunion.blogsport.de Sun, 18 Nov 2018 20:02:52 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Das Ende http://antifaunion.blogsport.de/2018/11/18/das-ende/ http://antifaunion.blogsport.de/2018/11/18/das-ende/#comments Sun, 18 Nov 2018 18:52:19 +0000 Administrator antifa [dortmund] http://antifaunion.blogsport.de/2018/11/18/das-ende/ Wir, die Antifaschistische Union Dortmund, stellen als eine der dienstältesten Antifagruppen der Bundesrepublik unsere kontinuierliche Arbeit ein. Das bedeutet, dass es von uns als Gruppe zukünftig keine öffentlichen Aktionen oder Texte mehr geben wird und wir nicht mehr für andere Gruppen, interessierte Einzelpersonen, JournalistInnen ansprechbar sein werden.

»Wenn man sich schon Illusionen macht…

13 ½ Jahre haben wir als linksradikale Gruppe Antifa-Arbeit in Dortmund gemacht. Gegründet haben wir uns 2005, nachdem der Punk Thomas ‚Schmuddel‘ Schulz von dem Neonazi Sven Kahlin erstochen wurde. Der Mord machte auf traurige Weise deutlich, dass neue organsierte Antifa-Strukturen in Dortmund notwendig waren, um dem damals erstarkten ‚Nationalen Widerstand Dortmund‘ entgegenzutreten. So gründete sich die ‚Antifa Union‘ nicht nur namentlich, sondern auch praktisch aus übrig gebliebenen Strukturen ehemaliger Gruppen und Einzelpersonen, um dieses Ziel umzusetzen. Wir traten an in einer Zeit, in der das Dortmunder Naziproblem von städtischer und offizieller Seite in der Regel relativiert oder verharmlost wurde. Neben der Bekämpfung von Neonazis haben wir uns daher auch immer wieder der Kritik der Dortmunder Zustände verschrieben – wohlwissend, dass wir als Antifagruppe lediglich Nadelstiche setzen können.

…dann aber richtig, es muss stimmen – auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist«

Rückblickend gesehen können wir jedoch einige Erfolge vorweisen. Einer unserer größten Clous in der Anfangszeit war sicher die (jetzt können wir es ja sagen: erst spontan am Vorabend geplante) Blockade der S-Bahngleise während eines Naziaufmarsches am 1. Mai 2007. Zahlreiche Antifas konnten damals durch einen Durchbruch auf die Gleise gelangen, sodass die Anreise der Neonazis empfindlich gestört wurde. Solche Aktionen gelangen in der Folgezeit leider nicht mehr in diesem Ausmaß, denn die Polizei lernte bei den vielen Naziaufmärschen auch dazu und kannte die Schleichwege in Dortmund bald so gut wie wir oder riegelte gleich alles ab. Überhaupt Naziaufmärsche: Als Antifagruppe waren wir natürlich vorrangig an den Mobilisierungen gegen die regelmäßigen Nazidemonstrationen beteiligt. Ob Kleingruppentaktik, Riots oder Blockaden – wir haben vieles ausprobiert, um den Nazis ihre Aufmärsche zu versauen, teilweise auch mit Erfolg.

Einer Sache haben wir uns dabei allerdings immer verweigert: Der Teilnahme an ‚großen‘ Bündnissen. Unsere Kritik an Kapitalismus, Antisemitismus und Deutschland hatte für uns im Zweifel immer eine höhere Priorität, als das wir uns gemeinsam mit antizionistischen Gruppen und zivilgesellschaftlichem SPD-Klüngel an einen Tisch gesetzt hätten. Wir haben daher auch immer versucht, unsere Aktionen gegen Naziaufmärsche gesellschaftskritisch einzubetten und keine reine ‚Event-Politik‘ zu verfolgen. Exemplarisch hierfür waren sicherlich unsere Demonstrationsaufrufe gegen die neonazistischen ‚Antikriegstage‘ sowie die Aufmärsche am 1. Mai, die uns auf Indymedia Hasskommentare aufgebrachter Antiimps, Ablehnung aus dem bürgerlichen Milieu und die Rühmung als ‚Deutschlandhasser‘ durch Neonazis einbrachte – also alles richtig gemacht. So hieß es z.B. in einem Artikel in der Roten-Hilfe-Zeitung aus dem Jahr 2009 über uns: »Sie haben sich jedoch maßgeblich der Solidarität mit den USA und Israel verschrieben und attackieren im Zweifelsfall anstatt der Neonazis lieber die Friedensbewegung und ortsansässige Antirassisten.« Diese Phantasmen gepaart mit unserer tatsächlichen Ablehnung friedensbewegter Amerika- und IsraelfeindInnen verschafften uns schnell den Ruf, eine ‚antideutsche‘ Gruppe zu sein. Wir haben uns nie dagegen gewehrt, auch wenn dieses Label wohl gegenwärtig mehr zu einem Internetphänomen verkommen ist, und seltener die Form einer spezifischen Kritik darstellt, der wir uns in unseren Texten oft angeschlossen haben. In dieser Hinsicht hinterlassen wir in Dortmund sicherlich eine Leerstelle. Unsere Linie kam auch in den eigenen Kreisen nicht immer gut an: Gerne erinnern wir uns noch an die Drohung einer größeren, bewegungslinken Antifagruppe aus einer anderen Stadt, man würde seine Busse nicht nach Dortmund schicken, sollte es kein spektrenübergreifendes Bündnis geben. Darüber lachen wir heute noch.

Ein weiterer Schwerpunkt unser Demonstrationshistorie war die Schmuddel-Demo, die wir jährlich zum Andenken an Thomas Schulz organisiert haben. Bis zu ihrem Ende im Jahr 2015 war sie eine der wichtigsten Antifa-Demos in NRW. Unter verschiedenen thematischen Schwerpunkten haben wir dabei rechte Gewalt und die Verankerungen ihrer zugrunde liegenden Ideologien in der Gesamtgesellschaft thematisiert. Oft sind wir dabei nach Dorstfeld gelaufen, dem Ort, in dem die TäterInnen wohnen. Die letzte Schmuddel-Demo vor drei Jahren war zugleich auch ein der größten Demonstrationen, die wir je veranstaltet haben. Nachdem wir wochenlang mit dem Mobivortrag quer durch die Republik getourt sind, kamen letztendlich über 1500 Menschen zu unserer Demo – ein würdiges Ende für zehn Jahre Demonstrationsgeschichte und ein starkes Zeichen zur Erinnerung am Thomas Schulz‘ zehnten Todestag. Unwürdig hingegen war zum Ende der Demo das Verhalten des bayrischen USK, welches die TeilnehmerInnen mit Knüppeln attakierte.

»Die Frage ist: flippt man total aus oder Gegenfeuer?«

Stichwort TäterInnen: Unsere Arbeit bestand zu einem großen Teil darin, Dortmunder Neonazistrukturen offenzulegen und zu beschädigen. Auch dabei konnten wir den ein oder anderen Treffer landen. Noch vor kurzem haben wir in einem Text auf Verbindungen zwischen organisierter Neonazisszene und Dortmunder Hooligans hingewiesen. Durch zahlreiche Outings haben wir dafür gesorgt, dass Neonazis in ihren Wohnumfeldern bekannt wurden oder in ihren Jobs in Erklärungnöte gerieten (Grüße an Frank A., Nadine K., Marc B., Lars E., Stephan R., Sybille O., Rene H., Paul P. und alle, die wir hier vergessen haben). Prominentestes Beispiel hierfür war der ehemalige Feuerwehrchef Klaus Schäfer, dessen Umtriebe in der Naziszene wir bekannt gemacht haben. Ebenso konnten wir dafür sorgen, dass die ARGE-Förderung für den ehemaligen rechten Online-Shop für Dennis Giemsch eingestellt wurde oder Immobilienkaufpläne (Ciao, R135!) von Neonazis öffentlich wurden. Mit unseren Recherchen haben wir im Laufe der Zeit wichtige Grundlagen dafür gelegt, dass die Dortmunder Neonazis sich nicht mehr in der Anonymität bewegen konnten und heute mittlerweile alle gut mit Name und Gesicht bekannt sind. 2011 veröffentlichten wir Broschüre ‚Dortmunder Zustände‘, in der wir detailliert den damaligen Stand der Dortmunder Nazistrukturen beschrieben haben – gerüchteweise wurde die Broschüre gar dem hiesigen Staatsschutz mit der Frage, warum die Antifa mehr als sie selber wüsste, seitens der Dortmunder Stadtführung um die Ohren gehauen.

Denn lange schien es tatsächlich, als würden Stadtverwaltung und Polizeibehörde vor Unfähigkeit nur so strotzen, den Neonazis von staatlicher Seite auch nur irgendwas Effektives entgegenzusetzen. Nach dem ‚NWDO‘-Verbot im Jahr 2012 spielte sich die Stadt dann als antifaschistische Instanz auf, Oberbürgermeister Uli Sierau empfahl gleich darauf Linken den Ausstieg aus der Antifa, die würde man schließlich nun nicht mehr brauchen. Wie gut dieser großspurige Habitus funktioniert hat, kann man heute an der Existenz der Partei ‚Die Rechte‘ erkennen. Verfehlte Polizeitaktiken, Extremismustheorie, Opferrhetorik und mangelndes Wissen prägen zwar zum Teil bis heute den Umgang mit Neonazis in dieser Stadt, dennoch hat sich durchaus vieles verändert, seitdem wir 2005 angefangen haben. Es gibt mehrere Beratungs- und Präventionsstellen gegen ‚Rechtsextremismus‘, mehr öffentliche Gelder und neue zivilgesellschaftliche Bündnisse. Man ist als Antifagruppe nicht mehr zwingend auf sich allein gestellt, wenn man den Nazistress skandalisieren will.

»Der See, er brennt – Wir hören auf damit« (Oma Hans – Django)

Der Grund, warum wir als Gruppe aufhören, ist allerdings nicht, dass wir nun glauben, dass unser Job überflüssig geworden wäre – ganz im Gegenteil: Schaut man sich die gegenwärtige Situation an, ist Antifa-Arbeit weiterhin dringend notwendig, anderswo vielleicht noch mehr als in Dortmund. Man kann uns also berechtigterweise einen Vorwurf machen, dass wir ausgerechnet jetzt das Handtuch werfen. Doch die Gründe sind profanerer Natur: Wer rechnen kann, dürfte schnell auf das Durchschnittsalter unserer Gruppe kommen. Polemisch brachte die Gruppe TOP B3rlin (wenngleich selbst nicht mehr die Jüngsten…) das Problem einst auf den Punkt: »Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Antifa, geprägt durch Carhartt, Risikofreude und elitäres Außenseitertum verliert, sobald der Ernst des Lebens mit Arbeit und Familie den Alltag zu bestimmen droht, seine verbindende Wirkung« (Antifaschistisches Infoblatt Nr. 81). Antifa – als Organisation, nicht als politische Praxis – ist eben auch abhängig von einer bestimmten Lebensphase und aus dieser haben wir uns teilweise entfernt. Zudem haben wir in einer Zeit angefangen, in der die Uhren noch anders getickt haben, vielleicht sind wir als Gruppe daher auch nicht mehr zeitgemäß strukturiert, wer weiß das schon. Für uns steht zumindest fest, dass wir uns als Gruppe nicht mehr engagieren werden, wenngleich wir einzeln sicher weiter in unterschiedlicher Form aktiv bleiben. Wir machen damit auch Platz für neue Gruppen wie die Autonome Antifa 170 (ok, nicht mehr ganz so neu) und die Mean Streets Antifa, die beide in Dortmund weiterhin gelungene Antifa-Arbeit betreiben.

»Der Kiez lag uns zu Füßen, sag dem Rest, wir lassen grüßen, lassen ausrichten, dass alles richtig ist. Fast alles richtig ist… Sag den andern uns geht’s gut – sag den Spacken uns geht’s prima. Vielleicht sieht man sich mal wieder, aber nicht in diesem Leben.« (Rantanplan – Hamburg 8° Regen)

Wir haben 13 ½ Jahre Demonstrationen organisiert und unterstützt, uns an Kampagnen beteiligt, Texte und Flugblätter geschrieben, diskutiert, auf anstregenden Plena gesessen, Vorträge veranstaltet, Solipartys gefeiert und über rechte Ideologien informiert – nun ist Schluss damit. Wir haben in diesen Jahren viele FreundInnen gewonnen, uns einige Feinde gemacht, Nazis Steine in den Weg gelegt und geworfen und neben dem ganzen Ärger und den Dortmunder Zumutungen auch viele gute Zeiten gehabt. Wir sind traurig, dass diese Ära nun ein Ende findet, die Entscheidung ist uns alles andere als leicht gefallen. Wir möchten uns in erster Linie bei allen Personen und Gruppen (insb. Antifa Essen Z, Gruppe für den organisierten Widerspruch, Autonome Antifa 170, AMZDO, Antifaschistische Linke Münster, Creme Critique, A2K2, Antifa Hagen und viele andere, die wir ‚überlebt‘ haben – Macht es gut!) bedanken, die uns dabei begleitet und unterstützt haben.

Und an die Nazis, die sich jetzt über diese Erklärung freuen, weil die »Platzhirsche« (DortmundEcho) nun ihre Arbeit einstellen: Fühlt euch nicht zu sicher. Wir werden auch weiterhin unbemerkt an der Supermarktkasse hinter euch stehen und auf die Chats auf euren Handys schauen. Tschüss, ihr Trottel!

Mit einem Mythos wollen wir aber noch aufräumen: Wir waren nie »drei Informatikstudenten«, wie vor vielen Jahren in einem Indymedia-Kommentar orakelt wurde – ansonsten hätten wir uns mit Sicherheit mal eine bessere Website gemacht.

Sayonara,
Antifaschistische Union Dortmund, November 2018

Ps: Dieser Blog, sowie unsere Accounts auf Facebook und Twitter werden weiterhin bestehen bleiben, zum einen aus Dokumentationsgründen und zum anderen werden wir die Kanäle auch weiterhin ab und zu nutzen, um auf bestimmte Veranstaltungen oder Aktionen hinzuweisen. Ebenso bleibt unsere Emailadresse für dringende Anfragen erreichbar, wenn ihr Fragen oder Anmerkungen zu unserem Abschied habt, könnt ihr uns ebenfalls gerne schreiben.

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Für Stadt, (Rasse) und Verein – Kampfsport als verbindendes Element Dortmunder Neonazis und Hooligans des BVB 09 http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/29/fuer-stadt-rasse-und-verein-kampfsport-als-verbindendes-element-dortmunder-neonazis-und-hooligans-des-bvb-09/ http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/29/fuer-stadt-rasse-und-verein-kampfsport-als-verbindendes-element-dortmunder-neonazis-und-hooligans-des-bvb-09/#comments Mon, 29 Oct 2018 07:22:46 +0000 Administrator antifa [dortmund] Neonazis und extreme Rechte http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/29/fuer-stadt-rasse-und-verein-kampfsport-als-verbindendes-element-dortmunder-neonazis-und-hooligans-des-bvb-09/ Das zwischen Neonazis und extrem rechten Hooligans in Dortmund nur wenig Berührungsängste bestehen, ist gut bekannt und lässt sich auch historisch nachzeichnen. Bereits in den achtziger Jahren konstituierten sich Dortmunder Neonazisstrukturen wesentlich aus der rechten Hooligangruppe ‚Borussenfront‘ und der Fußballverein Borussia Dortmund und seine Fankultur dienten Neonazis schon immer als relevantes Aktions- und Rekrutierungsfeld. Zwar sind die Zeiten, in denen Hooligans sich offen auf den Straßen im Umfeld des Stadions zeigten, vorbei und die Aktivitäten haben sich weitestgehend in die Peripherie des Stadions verlagert – nicht zuletzt auch aufgrund staatlicher Kontroll- und Strafmechanismen. Und auch die ‚Borussenfront‘ ist gegenwärtig mehr ein Mythos der Vergangenheit denn eine schlagfertige Truppe. Dennoch lässt sich in Dortmund eine (Re-)union von Neonazis und Hooligans beobachten, die neben der ‚Liebe zum Vaterland‘, die Gewalt, der Kampfsport und ein fetischisierters Bild von Männlichkeit vereint. Diese Verbindung lässt sich insbesondere im Kontext von neonazistischen Kampfsportevents feststellen – deren Organisation von Dortmund aus gesteuert wird. Wir möchten mit dem folgenden Text über diese unheilvolle Zusammenkunft informieren und hierfür Strukturen und Personen aufzeigen, die als Bindeglieder zwischen den Szenen fungieren. Denn zunehmend wird deutlich, dass rechte Hooligans und Neonazis Veranstaltungen, wie den ‚Kampf der Nibelungen‘ für die Vernetzung der Szenen und für völkische Propaganda nutzen.


Der ‚Kampf der Nibelungen‘: Auch ein Dortmunder Projekt

In der Vergangenheit schaffte es der seit 2013 stattfindende ‚Kampf der Nibelungen‘ (KdN) bereits bundesweit in die größeren Medien1. Hierbei handelt es sich um ein von und für Neonazis organisiertes Kampfsportturnier, bei dem in unterschiedlichen Kampfsportarten angetreten werden kann. Wurde das Turnier zu Anfangszeiten noch klandestin geplant, so wird es mittlerweile offen beworben und hat sich zu einem wichtigen rechten Kampfsportevent entwicklelt. Das letzte dieser Tuniere hat am 13. Oktober 2018 in Ostritz stattgefunden. In der Organisation spielen auch Dortmunder Nazistrukturen eine zentrale Rolle. Am bekanntesten in diesem Zusammenhang ist wohl Alexander Deptolla, der zusammen mit dem Neonazi Malte Redeker als Hauptorganisator des KdN gilt und sich auch namentlich für die Website des KdN verantwortlich zeichnet. Deptolla kann auf eine lange Karriere in der Dortmunder Neonaziszene zurückblicken und machte sich in der Vergangenheit durch die Organisation von Rechtsrock-Konzerten innerhalb der Szene einen Namen. Deptolla, der inzwischen auch Hammerskin ist, wurde einst selbst über den Fussball in die Dortmunder Naziszene gezogen und hat somit auch eine feste Verbindung zum BVB und dem Hooliganismus. Doch Deptolla ist nicht der einzige Dortmunder Neonazi der hieran beteiligt ist: In Ostritz waren mehrere – teils führende – Neonazis aus Dortmund zugegen: Robin Schmiemann wurde einer breiteren Öffentlichkeit als ‚Brieffreund‘ von Beate Zschäpe bekannt und ist Mitglied der ‚Arischen Bruderschaft‘ und dem militanten Neonazi-Netzwerk ‚Combat 18′2. Beim KdN in Ostritz übernahm Schmiemann, der aufgrund eines Raubüberfalls eine mehrjährige Gefängnisstrafe absaß, die Aufgabe eines Ordners. Schmiemann bezieht sich offen auf den bewaffneten Kampf und agiert in einem Netzwerk, welches u.a. Schießübungen durchführt. Er war zudem Mitglied der ‚Oidoxie-Streetfightig-Crew‘, einer Neonazigruppe, die sich aus dem Umfeld der Dortmunder Rechtsrock-Band ‚Oidoxie‘ rekrutierte. Hier waren vor allem Neonazis aus Dortmund und Kassel aktiv, denen Verbindungen in die thüringische und sächsische UnterstützerInnenszene des ‚Nationalsozialistischen Untergrunds‘ (NSU) nachgewiesen werden konnten3. In Ostritz erschien zudem seit längerer Zeit Sven Kahlin wieder auf der Bildfläche. Er trug dort ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Hooligans Dortmund‘, welches als Erkennungszeichen der rechten Hooligangruppen ‚Northside‘ und (mittlerweile aufgelösten) ‚Riot 0231′ gilt. Sven Kahlin ist verantwortlich für den Totschlag an Thomas ‚Schmuddel‘ Schulz im Jahr 2005. Damals erstach der noch 17-jährige Nazi-Skin Kahlin den Punk Schulz in der Dortmunder Innenstadt – Kahlin saß dafür fünf Jahre im Gefängis und wurde nach seiner Entlassung mehrmals erneut gewalttätig. In Ostritz wurde er von seiner neuen Ehefrau Julia Schröder begleitet, die als Trainerin in einem Herdecker Fitnessstudio arbeitet. Zusammen warben die Beiden im September als Teilnehmende des ‚Strong Viking-Brother Edition‘-Hindernislauf in Frankfurt mit T-Shirts für den KdN. Auch wenn bislang unklar ist, inwieweit Schröder in rechte Strukturen eingebunden ist, macht sie sich durch ihre Teilnahme und die Werbung mitverantwortlich. Ebenso beim KdN anwesend war Matthias Drewer, der – ebenfalls nach einem Gefängnisaufenthalt – nun als Hobby-Fotograf unterwegs ist und als solcher für Fotoaufnahmen von AntifaschistInnen und GegendemonstrantInnen bei Neonaziaufmärschen verantwortlich ist, die er unter dem Namen ‚Stahlfeder Fotografie‘ im Internet veröffentlicht. Anhand dieser personellen Beispiele, können wir zeigen, dass es also nicht irgendwelche Dortmunder Neonazis sind, die in die Organisation des Kampfsportturniers eingebunden sind, sondern teilweise führende Neonazi-Kader. In ihren Reihen sind verurteilte Totschläger und wegen schwerer Gewaltdelikte auffällig gewordende Nazis, die keinen Hehl aus ihrer Ideologie und Gewaltaffinität machen. Durch die Teilnahme an Kampfsporttraining und -turnieren gestaltet sich diese Situation noch um einiges gefährlicher und hilft den Neonazis, im Zweifel ihre Dominanzversuche durch Gewalt aufrecht erhalten zu können.

(Internationale) Vernetzung im Rahmen des KdN

Die Relevanz des ‚Kampf der Nibelungen‘ für Neonazis und rechte Hooligans zeigen auch die Vernetzungen der OrganisatorInnen sowie die TeinehmerInnen der Tuniere4. Unterstützung erfahren die Dortmunder Neonazis im Bereich des Sponsoring aus Frankreich und Russland, beispielsweise durch die rechte Bekleidungsmarke ‚White Rex‘. Neben Alexander Deptolla spielen auch andere Dortmunder Neonazis eine nicht zu unterschätzende Rolle im Zusammenspiel zwischen Neonazi-Strukturen und den rechten Hooligangruppen bzw. Kampfsportlern. Namentlich interessant ist hier der ursprünglich aus Marl stammende Tom Neubert. Dieser trainiert seit längerer Zeit Kampfsport und ist selbst schon auf Tunieren des KdN angetreten. Auch wenn es so scheint, als sei er Ende letzten Jahres aus dem Umfeld der Dortmunder Neonaziszene verschwunden und nach Bochum gezogen, zierte er jüngst noch das Titelbild der von der Partei ‚Die Rechte‘ verteilten SchülerInnenzeitung ‚Heute Jung‘ (kurz: ‚HJ‘). Neubert trainiert in unterschiedlichen Kampfsportstudios in Nordrhein-Westfalen, bspw. im Amrani Palace in Oberhausen, bei den Vestside Warriors in Recklinghausen oder dem JIKone in Bochum. Ob Neubert seine politische Einstellung dort auch offen zeigt bleibt unklar, zumindest das Tragen von ‚White-Rex‘-Klamotten scheint kein Problem zu sein. Speziell bei Neubert zeichnet sich ab, dass er versucht, im professionellen Kampfsport Fuß zu fassen. Zugleich zieht es ihn allerdings immer wieder in Hooligankreise, so besuchte Tom Neubert in der Vergangenheit öfters Spiele des Chemnitzer FC – der Fußballverein ist für gut vernetzte rechte Hooligan- und Ultragruppen bekannt. Ähnliches wird auch über den verurteilten Totschläger Sven Kahlin kolportiert. Was sie dabei verbindet, ist die Affinität zur Gewalt und ihrer Anwendung, zumindest bei Kahlin führte dies bereits zu einem Todesopfer und mehreren Anzeigen wegen Körperverletzung. Wer in dieser Riege auch nicht fehlen darf, ist der langjährige Neonazi und ursprünglich aus Hamm stammende Christoph Drewer. Der sich derzeit als Fitnesscoach versuchende Neonazi mit den charakteristischen Augenringen, trat in der Vergangenheit bereits auch selbst beim KdN im Boxen an und fungierte bei dem letzten Tunier als Trainer des auch für Dortmund angetretenen Nico Bergmann auf, der bisher nicht öffentlich in neonazistischen Kreisen aufgefallen ist5. Auch Drewer ist mehrfach wegen schweren Gewalttaten verurteilt worden und sucht den Kontakt zu Hooligangruppen, insbesondere im Osten, so war Drewer mehrmals bei Spielen des Chemnitzer FC anwesend und zeigte sich dort im Kreis der rechten Hooligangruppe ‚Kaotic Chemnitz‘ – Mitglieder dieser Gruppe waren auch für die jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz mitverantwortlich. Für diese Gruppe kämpfte Drewer selbst 2016 beim KdN. Ebenfalls war Drewer im Jahr 2016 Teil einer Gruppe von rechten Cottbus-Fans, die durch antisemitische Parolen und Angriffe gegen Fans des Vereins SV Babelsberg 03 auffielen6.

„Dortmund kämpft in Rot“

Dieser Spruch bezieht sich auf die eigentlichen Dortmunder Stadtfarben Rot und Weiß und war eine Parole der rechten Hooligangruppe ‚Northside‘. Die Gruppe existiert bereits seit über zehn Jahren und hat es dennoch geschafft, lange Zeit kein oder nur ein geringes öffentliches Interesse auf sich zu ziehen. In letzter Zeit wird aber immer deutlicher, dass auch die führenden Hooligans von ‚Northside‘ nach wie vor eng verbunden mit den Neonazis aus Dorstfeld sind und bereit sind, ihren Anspruch auf das Gewaltmonopol im und um das Stadion auch gegen die eigenen Fans durchzusetzten. Nach wie vor wichtigstes Bindeglied zwischen der Hooliganstrukturen und den Neonazis der Partei ‚Die Rechte‘ ist Timo Kersting, der bereits 2012 aufgrund seiner Sympathien für den damaligen ‚Nationalen Widerstand Dortmund‘ in den Fokus antifaschistischer Recherche geriet7. Kersting ist professioneller MMA-Kämpfer und hat in seiner Karriere schon mehrere Kämpfe im Ring bestritten. Auch er wird durch die Neonazi-Marke ‚White Rex‘ unterstützt. So trat Kersting bereits von dem russischen Hooligan und ‚White Rex‘-Gründer Denis Nikitin organisierten Kämpfen in Russland an, Nikitin selbst war wiederrum beim diesjährigen KdN anzutreffen. Timo Kersting kämpfte damals unter dem Namen ‚Fritz‘ für den ‚Boxklub Dortmund‘. Dieser Club existiert offiziell nicht, sondern dient als Tarnung für Northside-Hooligans bei öffentlichen Kampfssportturnieren. Kersting versuchte zuletzt in dem Dortmunder Studio ‚Arena Dortmund‘ zu trainieren und seinen Kameraden dort einen legalen Anlaufpunkt für das Training zu schaffen, was allerdings scheiterte. Zudem machten in letzter Zeit auch die ehemaligen Mitglieder der mittlerweile aufgrund von Repressionsdruck aufgelösten Gruppe ‚Riot 0231′ (benannt nach der Dortmunder Telefonvorwahl), Tim Peukert und David Otto, durch die Werbung für das KdN-Turnier auf sich aufmerksam: Sie nahmen ebenfalls zusammen mit dem bereits erwähnten Sven Kahlin an dem ‚Strong Viking‘-Lauf in ‚Kampf der Nibelungen‘-Shirts teil. Peukert fiel bereits 2013 durch eine rechte Haltung auf, als er bei einem Spiel gegen den VfB Stuttgart auf dem Zaun der Dortmunder Südtribüne den Hitlergruß zeigte8. Diese eher jüngeren Hooligans, die durch die Gruppe ‚Riot 0231′9 in die Szene einen Einstieg fanden, sind nun der Gruppe ‚Northside‘ zuzuordnen. Wie sich die Verbindungen zwischen den Szenen gestalten wird auch klarer, wenn man den Blick auf den Denis Nikitin wirft. Dieser verfügt über hervorragende Kontakte in die Hooliganszene des 1. FC Köln, für die er bereits selbst gekämpft hat. Zwischen den Fanszenen des 1. FC Köln und Borussia Dortmund besteht zudem eine Fanfreundschaft, die über die üblichen Ultrakreise hinaus bis in die Hooligangruppen reicht. So kämpften Hooligans aus Dortmund und aus Köln in jüngerer Vergangenheit häufiger zusammen gegen gegnerische Hooligans. Ein weiteres Beispiel für diese Verbindung ist der nun in Thüringen lebende Franz Pauße, der zuvor lange Zeit in Dortmund wohnte und ursprünglich aus dem Raum Köln stammt, wo er ebenfalls in Hooligankreisen unterwegs war.

Ausblick

Mit dieser Analyse wird deutlich, wie gut sich Hooligan- und Neonaziszene in Dortmund verbunden haben, sich vernetzten, neue Strukturen schaffen und schließlich auch Geld verdienen. Denn mit dem Weg in die Kampfsport- und Hooliganszene bietet sich nicht nur die Möglichkeit zu einem weiteren Forum für die eigene politische Propaganda, sondern auch eine lukrative Einnahmequelle, deren Erträge dem Ausbau der Dortmunder Neonazisstrukturen zu Gute kommen dürften. Zudem zeigt sich die Fixierung der Dortmunder Neonazis auf Gewaltausübung, die zum einen dazu dienen soll, Sicherheit im ‚Kampf um die Straße‘ zu behalten, als auch die aktionsorientierte Anhängerschaft bei Laune zu halten. Das dadurch auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr für alle Personen ausgeht, die nicht in das autoritär strukturierte Weltbild des extrem rechten Hooliganmilieus passen, zeigt nicht zuletzt die tiefe Verstrickung eines Sven Kahlins in der Szene. Es handelt sich bei den benannten Personen nur um einen Teil exponierterer Neoazis eines größeren Netzwerks. Mit legal stattfindenden rechten Kampfsportevents wie in Ostritz oder anderen ostdeutschen Städten, haben die Neonazis die größte Gefahr für sich gebannt, nämlich dass es ihren GegnerInnen gelingt, ihnen die Orte durch Intervention streitig zu machen. Es dürfte sich als sehr schwierig herausstellen, die bereits geschaffenen Strukturen nieder zu reißen und die Neonazis so zu schwächen. Antifaschistische Interventionen sollten daher darauf abzielen, die Verstrickungen von Neonazis in die Hooliganszene öffentlich zu machen und damit zu skandalisieren. Dazu gehört es auch, personelle und organisatorische Strukturen offen zu legen und zu beleuchten, um auf diese Weise Netzwerke nachzuvollziehen, die sonst gerne im Verborgenen bleiben. Ein weiterer Aspekt ist die Sensibilisierung: Das Engagement von Fans, Ultras und Fußballvereinen kann ein wichtiger Faktor gegen die Etablierung rechter Hooliganstrukturen sein. Ebenso sollten Kampfsportstudios und TurnierveranstalterInnen über die neonazistische KampsportlerInnen, Marken und Sponsoren aufgeklärt werden, damit Neonazis und rechte Hooligans nicht weiter in der Kampfsportszene Fuß fassen können.

Weitere Informationen zur rechten Kampfsportszene sowie eine detaillierte Auswertung des diesjährigen ‚Kampf der Nibelungen‘ finden sich auf der Website der Kampagne ‚Runter von der Matte‘

Bild Nachweise:
Kersting_Whiterex
Timo Kersting (links) als Kämpfer bei einem russischen Kampfsportturnier
Kahlin_Hochzeit
Sven Kahlin und Julia Schröder bei ihrer Hochzeit
Mudrace_KDN_Werbung
Werbeaktion beim „Strong Viking“ v.l.n.r. David Otto, Sven Kahlin (jetzt Schröder), Julia Schröder, Karsten Schröder, Tim Peukert
KDN_Version_Mudrace
Die auf der „KdN“ Seite veröffentlichte Werbeaktion
Neubert_mmacorps
Tom Neubert beim Fotoshooting der MMA Corps
Neubert_Chemnitz
Neubert in Chemnitz
Neubert_Dorstfeld
Neubert zusammen mit Neonazis in Dorstfeld
Neubert_KdN
Neubert bei seinem Kampf auf dem „KdN“
Neubert_HeuteJung
Neubert auf dem Cover der neonazistische Zeitung „Heute Jung“

  1. http://www.spiegel.de/sport/sonst/kampf-der-nibelungen-wie-hooligans-den-kampfsport-erobern-a-1170558.html [zurück]
  2. https://exif-recherche.org/?p=4399#sub24 [zurück]
  3. https://www.nsu-watch.info/2015/06/der-nsu-im-netz-von-blood-honour-und-combat-18-teil-4 [zurück]
  4. https://runtervondermatte.noblogs.org/neuigkeiten-von-der-matte-5-kommende-events-mit-rechter-beteiligung-recherche-analyse/#kdn2018 [zurück]
  5. https://runtervondermatte.noblogs.org/der-kampf-der-nibelungen-2018-eine-erste-auswertung [zurück]
  6. https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2016/11/22/brandenburg-derby-antisemitismus-hetze_22733 [zurück]
  7. https://www.lotta-magazin.de/nrwrex/2012/09/presseschau-nazis-k-nnten-die-fanszene-des-bvb-spalten [zurück]
  8. https://www.wr.de/staedte/dortmund/bvb-erteilt-fan-bundesweites-stadionverbot-nach-hitlergruss-id8666261.html [zurück]
  9. https://www.reviersport.de/331714---0231-riot-was-hinter-neuen-bvb-hooligans-steckt.html [zurück]
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http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/29/fuer-stadt-rasse-und-verein-kampfsport-als-verbindendes-element-dortmunder-neonazis-und-hooligans-des-bvb-09/feed/
Aufruf gegen ‚Alternativen Wissenskongress‘ http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/26/aufruf-gegen-alternativen-wissenskongress/ http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/26/aufruf-gegen-alternativen-wissenskongress/#comments Fri, 26 Oct 2018 15:38:22 +0000 Administrator antifa [dortmund] Neonazis und extreme Rechte Aktionen und Berichte http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/26/aufruf-gegen-alternativen-wissenskongress/ Am 11. November lädt der Verein zur Förderung des politischen Dialogs e.V. zum 4. Alternativen Wissenskongress (AWK) im Raum Dortmund/Unna ein. Bei dem Kongress handelt es sich um ein Event für und mit Verschwörungsideolog_innen jeglicher Couleur, bei dem Verein um einen Haufen AfD-Aktivist_innen, die u.a. besagte Verschwörungsideolog_innen gerne an ihre Partei binden möchten. Wir unterstützen den folgenden Aufruf der Antifa UNited (Unna), gegen den Kongress aktiv zu werden:

AWK und AfD & (k)eine Lovestory

Der erste Kongress dieser Art fand 2015 in Witten statt. Zu Beginn organisierten diesen noch die AfD-Bezirksverbände in NRW. Auftreten sollten ausgewiesene Größen der verschwörungsideologischen Szene: der extrem rechte Compact-Verleger Jürgen Elsässer, der ebenfalls am rechten Rand wandelnde Karl-Albrecht Schachtschneider, Eberhard Hamer und Wissensmanufaktur-Initiator Andreas Popp. Das war – nach kritischer Berichterstattung – selbst dem damals noch in der AfD aktiven Flügel um Bernd Lucke zu viel. Nachdem dieser unter den Referenten „Verschwörungstheoretiker und Wirrköpfe“ identifizierte, distanzierten sich Lucke und weitere Teile der AfD vom Kongress. In der Folge machten auch die AfD-Bezirksverbände einen Rückzieher, in die Bresche sprang besagter Verein zur Förderung des politischen Dialogs e.V., der allerdings nur ein neues Label für dasselbe Orga-Team darstellte. AfD-Funktionäre wie Ingo Schumacher, Nic Vogel, Udo Hemmelgarn oder Sebastian Schulze planten nun unter dem Deckmantel des Vereins munter an ihrem Kongress weiter. Bis heute wird der Kongress von dem Verein organisiert. Geändert hat sich nur das Prestige, das damit einhergeht.

Waren der Kongress und seine Organisator_innen 2015 noch umstritten, führte der weitere Rechtsruck der AfD und das Wegbrechen des neoliberaleren Flügels dazu, dass sich Vogel beispielsweise Platz neun der Kandidat_innenliste der NRW-AfD für die Landtagswahl 2017 sichern konnte. Bei seiner Vorstellung brüstete er sich, Teil des Orga-Teams des AWK zu sein. Er sitzt heute im Landtag.

Dass sich AfD-Aktive um Menschen bemühen, die überall große Verschwörungen am Werk sehen, ist nicht verwunderlich. Bereits beim Auftauchen der sogenannten „Montagsmahnwachen“ wurde auf deren Anschlussfähigkeit an rechte Positionen bis hin zur Übernahme derselben hingewiesen. Für die rechte Partei stellen diese Menschen also nicht zuletzt Stimmpotential dar. Vor allem aber vertreten große Teile der AfD selbst Verschwörungstheorien, die sich mit denen verschiedener Teile der Szene decken. Die Rede von der angeblichen „Lügenpresse“, der Glaube an einen „Klima-Schwindel“, an „Islamisierung“ und „Umvolkung“, an eine staatliche Finanzierung „der Antifa“ oder strukturell antisemitische Chiffren von einer angeblichen Verschwörung etwa einer „globalisierten Klasse“ sind ebenso Teil des ideologischen Repertoires der Partei wie der unterschiedlicher Fraktionen der selbsternannten „Aufgeklärten“. Neben dem Werben um neue Mitglieder und Wähler_innen haben AfD-Mitglieder also auch ein eigenes Interesse an einem Event wie dem AWK: Es entspricht ihrer eigenen Weltsicht.

Mehr als nur Verwirrte und Irre

Nach drei Kongressen in drei Jahren und einem „Alternativen Netzwerktreffen“ 2016 soll der AWK am 11. November in die vierte Runde gehen. Inzwischen hat er sich gut etabliert. Schließlich ist für jede_n was dabei: Chemtrail-Gläubige konnten sich etwa auf einen Auftritt von Christoph Hörstel freuen, Putin-Fans kommen genauso auf ihre Kosten wie Reichsbürger_innen und Klimawandelleugner_innen. Auch für die extreme Rechte ist der Kongress spannend. Wenn diese von der „jüdischen Weltverschwörung“ oder dem „Volkstod“ reden, ist das zwar weniger verklausuliert als der übliche Verweis auf eine ominöse „Ostküste“ und „Rothschilds“ oder die Rede von der „Umvolkung“, kommt aber trotzdem gut an. Darüber hinaus gehört es bei den allermeisten Verschwörungstheoretiker_innen zum guten Ton, den Schulterschluss auch mit Neonazis zu suchen – schließlich denke man ja nicht in Kategorien wie „rechts“ und „links“. Von der AfD ist eine Distanzierung, die über Lippenbekenntnisse hinausgeht, ohnehin nicht zu erwarten.

Dass neben Neonazis aber auch die übrigen Teilnehmer_innenspektren nicht zu unterschätzen sind, ergibt sich nicht zuletzt aus ebendiesen Verschwörungsfantasien. Wer anderer Meinung ist, gilt im besten Fall als „verblendet“ und im schlechteren Fall als Teil oder Profiteur_in ebendieser finsteren Verschwörung. Informationen, die ins Weltbild passen, sind eine Bestätigung. Informationen, die das nicht tun, werden als gezielte Falschinformationen der Verschwörer_innen abgelehnt. Wer davon überzeugt ist, so einer übermächtigen, alles kontrollierenden Verschwörung dämonischer Mächte gegenüberzustehen, welche die eigene Existenz bedrohen, fühlt sich dann auch schon einmal dazu berechtigt, zurückzuschlagen. Wohin dieser Verschwörungswahn führen kann, zeigen etwa Reichsbürger_innen, die Waffen horten und vereinzelt auch benutzen, oder Rechte, die im Internet Umsturzpläne schmieden und „Feindeslisten“ anlegen.

AWK? WTF!

Der AWK in diesem Jahr wird beworben als „1. AWK-Akademie“, unterscheidet sich aber nicht wirklich von den vorangegangenen Kongressen. Ein Fokus liegt auf der Vermittlung von Handlungsoptionen und der Vernetzung der Teilnehmer_innen. Auffallend ist dabei, dass die Referent_innen in diesem Jahr überwiegend aus dem eigenen AfD/AWK-Stall stammen. Eberhard Hamer und Rico Albrecht traten bereits bei vergangenen AWKs auf. Hinzu kommen mit Rainer Rothfuß, Leyla Bilge und Myriam Kern gleich drei AfD-Mitglieder.(1)

Die angekündigten Referent_innen und die Erfahrung aus den letzten Jahren zeigen, womit auch in diesem Jahr beim AWK zu rechnen ist: ein bunter Strauß an verschwörungsideologischen Inhalten zwischen antisemitischen und antiamerikanistischen Ressentiments, Rassismus, Putin-Anhimmelung, Untergangs- und Querfrontfantasien mit der gehörigen Portion Nationalismus für ein Spektrum, das vom sich etwas intellektueller wähnenden Neonazi über bürgerliche Rassist_innen bis hin zur sich „eher links“ verstehenden Trutherin reicht. Dazu kommt eine AfD, die versucht, sich als Sprachrohr dieser Konstellation zu etablieren.

Gegen diese Allianz der verkürzten Welterklärungen und Wahnvorstellungen ist ein emanzipatorischer Einspruch dringend nötig. In Zeiten von „Fake News“ und „alternativen Fakten“ braucht es eine klare Absage an Verschwörungsdenken und Querfrontbestrebungen. Es handelt sich dabei nicht um eine irgendwie in die richtige Richtung gehende, aber (noch) nicht vollendete Kapitalismuskritik sondern um die rückschrittliche Suche nach Feindbildern, anhand derer sich die Welt in Gut und Böse teilen lässt. Es ist ein rechter Kongress mit rechten Referent_innen, zu dem im besten Falle „nur“ rechtsoffene Personen gehen.

Deshalb sagen wir: Wer den AWK einlädt, lädt auch uns ein. Am 11. November werden wir gegen den Kongress der Aluhüte auf die Straße gehen. Bislang trauen sich die Organisator_innen wie auch im vergangenen Jahr nicht, den Veranstaltungsort bekannt zu geben. Verwiesen wird auf den Raum „Dortmund / Unna“. Haltet euch deshalb auf dem Laufenden, informiert eure Freund_innen und streicht euch den Tag im Kalender an. Beteiligt euch an den Aktionen gegen den AWK 2018!

Keine Bühne für Aluhüte! Gegen Verschwörungsdenken und Antisemitismus!

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Kurzbericht zur Nazikundgebung am 8.Oktober http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/10/kurzbericht-zur-nazikundgebung-am-8-oktober/ http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/10/kurzbericht-zur-nazikundgebung-am-8-oktober/#comments Wed, 10 Oct 2018 13:53:25 +0000 Administrator antifa [dortmund] Kurzmeldungen Neonazis und extreme Rechte Aktionen und Berichte http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/10/kurzbericht-zur-nazikundgebung-am-8-oktober/ Am 8. Oktober rief die Partei „Die Rechte“ erneut zu einer Kundgebung im Kreuzviertel auf. Insgesamt 38 Neonazis folgten diesem Aufruf und hielten ein knapp einstündige Kundgebung auf dem Sonnenplatz ab. Als Redner traten hier Michael Brück, Matthias Deyda und Sascha Krolzig auf, letzterer verharmloste dabei in seiner Rede die rechtsterroristische Gruppe „Revolution Chemnitz“. Begleitet wurde die Kundgebung von einem Gegenprotest von rund 200 Personen. Hintergrund für die erneute Kundgebung der Nazis war eine am 3. Oktober ebenfalls am Sonnenplatz stattgefundene Kundgebung (Wir berichteteten: Hier. ).
via @Korallenherz

Dort gab es auf der Rückreise der Nazis einen Angriff auf Gegendemonstranten und die Polizei, nachdem der Lautsprecherwagen der Nazis von einer Flasche getroffen wurde, der Neonazis Matthias Drewer löste hierbei einen Feuerlöscher aus. Daraufhin wurden acht Nazis von der Polizei kontrolliert und wurden kurzzeitig in Gewahrsam genommen.

Die Kundgebung am 8. Oktober reiht sich somit in die Versuche der Neonazis ein, sich als Opfer von polizeilicher Repression zu inzenieren. Die von ihnen gewollt herbeigeführten Provokationen, die zu kalkulierten Eskalationen mit Polizei und GegendemonstrantInnen führen, werden so für die eigene politische Agenda genutzt. Obwohl dieses Vorgehen scheinbar auch der inneren Selbsstärkung nach außen dienen soll, klappt das nur schlecht: Die Teilnehmerzahlen der letzten Kundgebungen dürften unter den Erwartungen der Neonazis geblieben sein. Hinzu kam jeweils starker Gegenprotest.

Die generelle Strategie der Neonazis, mit ihren Kundgebungs- und Demonstrationmarathon den Gegenprotest – gerade in der Zivilgesellschaft – zu schwächen schien zuvor aufgegangen zu sein. Daher sind die letzten Gegenproteste ein gutes Signal gewesen, dass dieser Strategie in Dortmund doch noch etwas, auch kurzfristig entgegenzusetzen ist. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Level nun gehalten werden kann. Schwieriger könnte sich effektiver Protest in den Dortmunder Vororten gestalten, die regelmäßig von Neonazis aufgesucht werden, jedoch über keine nennenswerten zivilgesellschaftliche Strukturen verfügen, anders als in den Stadtteilen in der Innenstadt. Es bleibt daher wichtig, auch abseits der größeren Nazi-Events und dem öffentlichkeitswirksamen Protest gegen die kleineren Nazikundgebungen vorzugehen, gerade dort, wo sie noch Resonanz stoßen.

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Pressemitteilung zu den Nazikundgebungen am 3. Oktober http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/05/pressemitteilung-zu-den-nazikundgebungen-am-3-oktober/ http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/05/pressemitteilung-zu-den-nazikundgebungen-am-3-oktober/#comments Fri, 05 Oct 2018 20:40:18 +0000 Administrator antifa [dortmund] Pressemitteilungen Kurzmeldungen Neonazis und extreme Rechte http://antifaunion.blogsport.de/2018/10/05/pressemitteilung-zu-den-nazikundgebungen-am-3-oktober/ Zur Dokumentation veröffentlichen wir an dieser Stelle eine Pressemitteilung, die von uns am Abend des 3. Oktober verschickt wurden ist. Eine weitere Pressemitteilung hat die Autonome Antifa 170 am 4. Oktober veröffentlicht, die hier zu lesen ist.

Pressemitteilung der Antifaschistischen Union Dortmund

Nach den noenazistischen Demonstrationen am 21. September in Dortmund, die ein bundesweites Medienecho auslösten, stellten Dortmunder Neonazis heute am 3. Oktober nun erneut ihre Gefährlichkeit und Gewaltaffinität unter Beweis.

Zwei Kundgebungen von Neonazis fanden am 3. Oktober in Dortmund statt. Die erste in der migrantisch geprägten Dortmunder Nordstadt, die zweite im Kreuzviertel. Bereits auf der ersten Kundgebung auf dem Nordmarkt provozierten Neonazis verbal anwesende Gegendemonstranten. Aufgrund von Verzögerungen, die dort durch den großen Gegenprotest entstanden, gelangten die Neonazis erst viel später als angekündigt zum Sonnenplatz, dem Ort der zweiten Kundgebung. Die vor den restlichen Versammlungsteilnehmern ankommenden Neonazis im Lautsprecherwagen, stiegen dort bereits bewaffnet mit einem Feuerlöscher und Glasflaschen, die schlagbereit gehalten wurden, aus dem Fahrzeug und bedrohten erneut anwesende Gegendemonstranten.[1]

Unter diesen Neonazis war auch Robin Schmiemann, der als Brieffreund der NSU-Terroristin Beate Zschäpe bekannt wurde. Schmiemann trug bei beiden Kundgebungen ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Combat 18‘.[2] Dies ist der Name eines weltweit agierenden rechtsterroristischen Netzwerkes, in dem auch Dortmunder Neonazis eine Rolle spielen. Combat 18 gilt als Teil des in Deutschland verbotenen militanten ‚Blood & Honour‘-Netzwerks. Erst kürzlich wurde bekannt, dass sich Combat 18 in einer Phase der Reorganisation befinden soll.

Nach dem Ende der Kundgebung am Sonnenplatz fuhr der Lautsprecherwagen mit voller Besatzung, darunter die stadtbekannten und vorbestraften Neonazis Siegfried ‚SS-Siggi‘ Borchardt, Matthias Drewer und Michael Brück (Ratsmitglied der Partei ‚Die Rechte‘), aus der Kundgebung heraus in Richtung der Gegendemonstranten – ohne Polizeibegleitung. Als sich das Fahrzeug den Gegendemonstranten näherte und aufgrund von einer Blockade nicht weiterfahren konnte, rissen die Neonazis die Türen auf und sprühten mit dem bereits zuvor gezeigten Feuerlöscher auf die umstehenden Personen und versuchten diese zusätzlich körperlich zu attackieren.[3] Alle Neonazis aus dem Fahrzeug – bis auf die bereits ältere Luise Wegstroth – wurden daraufhin vorrübergehend in Gewahrsam genommen.

Michael Laskowiak, Pressesprecher der Antifaschistischen Union Dortmund, erklärt dazu: „Nachdem Neonazis mit antisemitischen Parolen im September durch Dortmund gezogen sind, greifen Sie nun auch Personen direkt an.“ Es stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Angriff nicht hätte verhindert werden konnte: „Es ist skandalös, dass Neonazis zu Beginn der Kundgebung unter den Augen von Polizeibeamtem mit Glasflaschen und Feuerlöscher Gegendemonstranten bedrohen können und später mit demselben Feuerlöscher zum Angriff übergehen können. Die Polizei hätte bereits aus der vorausgegangenen Drohung Konsequenzen ziehen müssen, dann wäre es eventuell nicht zu der späteren Tat gekommen“, kritisiert Laskowiak.

Die Antifaschistische Union erwartet daher einen selbstkritischen Umgang der Dortmunder Polizei mit dem Vorfall. „Die Polizei sollte für einen konsequenten und präventiven Umgang mit rechtsextremen Gewalttätern sorgen, erst recht nach den Ereignissen vom 21. September.“ Insgesamt hat der 3. Oktober offenbart, dass sich Dortmunder Neonazis offen zu ihren Verbindungen zum militanten Neonazi-Netzwerk ‚Combat 18′ bekennen und bei Bedarf auch selbst gewalttätig werden.

[1] https://twitter.com/rctoso/status/1047517189555802115
[2] https://twitter.com/Marcus__Arndt/status/1047492217416425473
[3] https://twitter.com/RN_Bandermann/status/1047540620431167488

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