Archiv der Kategorie 'antifa [dortmund]'

Das Ende

Wir, die Antifaschistische Union Dortmund, stellen als eine der dienstältesten Antifagruppen der Bundesrepublik unsere kontinuierliche Arbeit ein. Das bedeutet, dass es von uns als Gruppe zukünftig keine öffentlichen Aktionen oder Texte mehr geben wird und wir nicht mehr für andere Gruppen, interessierte Einzelpersonen, JournalistInnen ansprechbar sein werden.

»Wenn man sich schon Illusionen macht…

13 ½ Jahre haben wir als linksradikale Gruppe Antifa-Arbeit in Dortmund gemacht. Gegründet haben wir uns 2005, nachdem der Punk Thomas ‚Schmuddel‘ Schulz von dem Neonazi Sven Kahlin erstochen wurde. Der Mord machte auf traurige Weise deutlich, dass neue organsierte Antifa-Strukturen in Dortmund notwendig waren, um dem damals erstarkten ‚Nationalen Widerstand Dortmund‘ entgegenzutreten. So gründete sich die ‚Antifa Union‘ nicht nur namentlich, sondern auch praktisch aus übrig gebliebenen Strukturen ehemaliger Gruppen und Einzelpersonen, um dieses Ziel umzusetzen. Wir traten an in einer Zeit, in der das Dortmunder Naziproblem von städtischer und offizieller Seite in der Regel relativiert oder verharmlost wurde. Neben der Bekämpfung von Neonazis haben wir uns daher auch immer wieder der Kritik der Dortmunder Zustände verschrieben – wohlwissend, dass wir als Antifagruppe lediglich Nadelstiche setzen können.

…dann aber richtig, es muss stimmen – auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist«

Rückblickend gesehen können wir jedoch einige Erfolge vorweisen. Einer unserer größten Clous in der Anfangszeit war sicher die (jetzt können wir es ja sagen: erst spontan am Vorabend geplante) Blockade der S-Bahngleise während eines Naziaufmarsches am 1. Mai 2007. Zahlreiche Antifas konnten damals durch einen Durchbruch auf die Gleise gelangen, sodass die Anreise der Neonazis empfindlich gestört wurde. Solche Aktionen gelangen in der Folgezeit leider nicht mehr in diesem Ausmaß, denn die Polizei lernte bei den vielen Naziaufmärschen auch dazu und kannte die Schleichwege in Dortmund bald so gut wie wir oder riegelte gleich alles ab. Überhaupt Naziaufmärsche: Als Antifagruppe waren wir natürlich vorrangig an den Mobilisierungen gegen die regelmäßigen Nazidemonstrationen beteiligt. Ob Kleingruppentaktik, Riots oder Blockaden – wir haben vieles ausprobiert, um den Nazis ihre Aufmärsche zu versauen, teilweise auch mit Erfolg.

Einer Sache haben wir uns dabei allerdings immer verweigert: Der Teilnahme an ‚großen‘ Bündnissen. Unsere Kritik an Kapitalismus, Antisemitismus und Deutschland hatte für uns im Zweifel immer eine höhere Priorität, als das wir uns gemeinsam mit antizionistischen Gruppen und zivilgesellschaftlichem SPD-Klüngel an einen Tisch gesetzt hätten. Wir haben daher auch immer versucht, unsere Aktionen gegen Naziaufmärsche gesellschaftskritisch einzubetten und keine reine ‚Event-Politik‘ zu verfolgen. Exemplarisch hierfür waren sicherlich unsere Demonstrationsaufrufe gegen die neonazistischen ‚Antikriegstage‘ sowie die Aufmärsche am 1. Mai, die uns auf Indymedia Hasskommentare aufgebrachter Antiimps, Ablehnung aus dem bürgerlichen Milieu und die Rühmung als ‚Deutschlandhasser‘ durch Neonazis einbrachte – also alles richtig gemacht. So hieß es z.B. in einem Artikel in der Roten-Hilfe-Zeitung aus dem Jahr 2009 über uns: »Sie haben sich jedoch maßgeblich der Solidarität mit den USA und Israel verschrieben und attackieren im Zweifelsfall anstatt der Neonazis lieber die Friedensbewegung und ortsansässige Antirassisten.« Diese Phantasmen gepaart mit unserer tatsächlichen Ablehnung friedensbewegter Amerika- und IsraelfeindInnen verschafften uns schnell den Ruf, eine ‚antideutsche‘ Gruppe zu sein. Wir haben uns nie dagegen gewehrt, auch wenn dieses Label wohl gegenwärtig mehr zu einem Internetphänomen verkommen ist, und seltener die Form einer spezifischen Kritik darstellt, der wir uns in unseren Texten oft angeschlossen haben. In dieser Hinsicht hinterlassen wir in Dortmund sicherlich eine Leerstelle. Unsere Linie kam auch in den eigenen Kreisen nicht immer gut an: Gerne erinnern wir uns noch an die Drohung einer größeren, bewegungslinken Antifagruppe aus einer anderen Stadt, man würde seine Busse nicht nach Dortmund schicken, sollte es kein spektrenübergreifendes Bündnis geben. Darüber lachen wir heute noch.

Ein weiterer Schwerpunkt unser Demonstrationshistorie war die Schmuddel-Demo, die wir jährlich zum Andenken an Thomas Schulz organisiert haben. Bis zu ihrem Ende im Jahr 2015 war sie eine der wichtigsten Antifa-Demos in NRW. Unter verschiedenen thematischen Schwerpunkten haben wir dabei rechte Gewalt und die Verankerungen ihrer zugrunde liegenden Ideologien in der Gesamtgesellschaft thematisiert. Oft sind wir dabei nach Dorstfeld gelaufen, dem Ort, in dem die TäterInnen wohnen. Die letzte Schmuddel-Demo vor drei Jahren war zugleich auch ein der größten Demonstrationen, die wir je veranstaltet haben. Nachdem wir wochenlang mit dem Mobivortrag quer durch die Republik getourt sind, kamen letztendlich über 1500 Menschen zu unserer Demo – ein würdiges Ende für zehn Jahre Demonstrationsgeschichte und ein starkes Zeichen zur Erinnerung am Thomas Schulz‘ zehnten Todestag. Unwürdig hingegen war zum Ende der Demo das Verhalten des bayrischen USK, welches die TeilnehmerInnen mit Knüppeln attakierte.

»Die Frage ist: flippt man total aus oder Gegenfeuer?«

Stichwort TäterInnen: Unsere Arbeit bestand zu einem großen Teil darin, Dortmunder Neonazistrukturen offenzulegen und zu beschädigen. Auch dabei konnten wir den ein oder anderen Treffer landen. Noch vor kurzem haben wir in einem Text auf Verbindungen zwischen organisierter Neonazisszene und Dortmunder Hooligans hingewiesen. Durch zahlreiche Outings haben wir dafür gesorgt, dass Neonazis in ihren Wohnumfeldern bekannt wurden oder in ihren Jobs in Erklärungnöte gerieten (Grüße an Frank A., Nadine K., Marc B., Lars E., Stephan R., Sybille O., Rene H., Paul P. und alle, die wir hier vergessen haben). Prominentestes Beispiel hierfür war der ehemalige Feuerwehrchef Klaus Schäfer, dessen Umtriebe in der Naziszene wir bekannt gemacht haben. Ebenso konnten wir dafür sorgen, dass die ARGE-Förderung für den ehemaligen rechten Online-Shop für Dennis Giemsch eingestellt wurde oder Immobilienkaufpläne (Ciao, R135!) von Neonazis öffentlich wurden. Mit unseren Recherchen haben wir im Laufe der Zeit wichtige Grundlagen dafür gelegt, dass die Dortmunder Neonazis sich nicht mehr in der Anonymität bewegen konnten und heute mittlerweile alle gut mit Name und Gesicht bekannt sind. 2011 veröffentlichten wir Broschüre ‚Dortmunder Zustände‘, in der wir detailliert den damaligen Stand der Dortmunder Nazistrukturen beschrieben haben – gerüchteweise wurde die Broschüre gar dem hiesigen Staatsschutz mit der Frage, warum die Antifa mehr als sie selber wüsste, seitens der Dortmunder Stadtführung um die Ohren gehauen.

Denn lange schien es tatsächlich, als würden Stadtverwaltung und Polizeibehörde vor Unfähigkeit nur so strotzen, den Neonazis von staatlicher Seite auch nur irgendwas Effektives entgegenzusetzen. Nach dem ‚NWDO‘-Verbot im Jahr 2012 spielte sich die Stadt dann als antifaschistische Instanz auf, Oberbürgermeister Uli Sierau empfahl gleich darauf Linken den Ausstieg aus der Antifa, die würde man schließlich nun nicht mehr brauchen. Wie gut dieser großspurige Habitus funktioniert hat, kann man heute an der Existenz der Partei ‚Die Rechte‘ erkennen. Verfehlte Polizeitaktiken, Extremismustheorie, Opferrhetorik und mangelndes Wissen prägen zwar zum Teil bis heute den Umgang mit Neonazis in dieser Stadt, dennoch hat sich durchaus vieles verändert, seitdem wir 2005 angefangen haben. Es gibt mehrere Beratungs- und Präventionsstellen gegen ‚Rechtsextremismus‘, mehr öffentliche Gelder und neue zivilgesellschaftliche Bündnisse. Man ist als Antifagruppe nicht mehr zwingend auf sich allein gestellt, wenn man den Nazistress skandalisieren will.

»Der See, er brennt – Wir hören auf damit« (Oma Hans – Django)

Der Grund, warum wir als Gruppe aufhören, ist allerdings nicht, dass wir nun glauben, dass unser Job überflüssig geworden wäre – ganz im Gegenteil: Schaut man sich die gegenwärtige Situation an, ist Antifa-Arbeit weiterhin dringend notwendig, anderswo vielleicht noch mehr als in Dortmund. Man kann uns also berechtigterweise einen Vorwurf machen, dass wir ausgerechnet jetzt das Handtuch werfen. Doch die Gründe sind profanerer Natur: Wer rechnen kann, dürfte schnell auf das Durchschnittsalter unserer Gruppe kommen. Polemisch brachte die Gruppe TOP B3rlin (wenngleich selbst nicht mehr die Jüngsten…) das Problem einst auf den Punkt: »Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Antifa, geprägt durch Carhartt, Risikofreude und elitäres Außenseitertum verliert, sobald der Ernst des Lebens mit Arbeit und Familie den Alltag zu bestimmen droht, seine verbindende Wirkung« (Antifaschistisches Infoblatt Nr. 81). Antifa – als Organisation, nicht als politische Praxis – ist eben auch abhängig von einer bestimmten Lebensphase und aus dieser haben wir uns teilweise entfernt. Zudem haben wir in einer Zeit angefangen, in der die Uhren noch anders getickt haben, vielleicht sind wir als Gruppe daher auch nicht mehr zeitgemäß strukturiert, wer weiß das schon. Für uns steht zumindest fest, dass wir uns als Gruppe nicht mehr engagieren werden, wenngleich wir einzeln sicher weiter in unterschiedlicher Form aktiv bleiben. Wir machen damit auch Platz für neue Gruppen wie die Autonome Antifa 170 (ok, nicht mehr ganz so neu) und die Mean Streets Antifa, die beide in Dortmund weiterhin gelungene Antifa-Arbeit betreiben.

»Der Kiez lag uns zu Füßen, sag dem Rest, wir lassen grüßen, lassen ausrichten, dass alles richtig ist. Fast alles richtig ist… Sag den andern uns geht’s gut – sag den Spacken uns geht’s prima. Vielleicht sieht man sich mal wieder, aber nicht in diesem Leben.« (Rantanplan – Hamburg 8° Regen)

Wir haben 13 ½ Jahre Demonstrationen organisiert und unterstützt, uns an Kampagnen beteiligt, Texte und Flugblätter geschrieben, diskutiert, auf anstregenden Plena gesessen, Vorträge veranstaltet, Solipartys gefeiert und über rechte Ideologien informiert – nun ist Schluss damit. Wir haben in diesen Jahren viele FreundInnen gewonnen, uns einige Feinde gemacht, Nazis Steine in den Weg gelegt und geworfen und neben dem ganzen Ärger und den Dortmunder Zumutungen auch viele gute Zeiten gehabt. Wir sind traurig, dass diese Ära nun ein Ende findet, die Entscheidung ist uns alles andere als leicht gefallen. Wir möchten uns in erster Linie bei allen Personen und Gruppen (insb. Antifa Essen Z, Gruppe für den organisierten Widerspruch, Autonome Antifa 170, AMZDO, Antifaschistische Linke Münster, Creme Critique, A2K2, Antifa Hagen und viele andere, die wir ‚überlebt‘ haben – Macht es gut!) bedanken, die uns dabei begleitet und unterstützt haben.

Und an die Nazis, die sich jetzt über diese Erklärung freuen, weil die »Platzhirsche« (DortmundEcho) nun ihre Arbeit einstellen: Fühlt euch nicht zu sicher. Wir werden auch weiterhin unbemerkt an der Supermarktkasse hinter euch stehen und auf die Chats auf euren Handys schauen. Tschüss, ihr Trottel!

Mit einem Mythos wollen wir aber noch aufräumen: Wir waren nie »drei Informatikstudenten«, wie vor vielen Jahren in einem Indymedia-Kommentar orakelt wurde – ansonsten hätten wir uns mit Sicherheit mal eine bessere Website gemacht.

Sayonara,
Antifaschistische Union Dortmund, November 2018

Ps: Dieser Blog, sowie unsere Accounts auf Facebook und Twitter werden weiterhin bestehen bleiben, zum einen aus Dokumentationsgründen und zum anderen werden wir die Kanäle auch weiterhin ab und zu nutzen, um auf bestimmte Veranstaltungen oder Aktionen hinzuweisen. Ebenso bleibt unsere Emailadresse für dringende Anfragen erreichbar, wenn ihr Fragen oder Anmerkungen zu unserem Abschied habt, könnt ihr uns ebenfalls gerne schreiben.

Für Stadt, (Rasse) und Verein – Kampfsport als verbindendes Element Dortmunder Neonazis und Hooligans des BVB 09

Das zwischen Neonazis und extrem rechten Hooligans in Dortmund nur wenig Berührungsängste bestehen, ist gut bekannt und lässt sich auch historisch nachzeichnen. Bereits in den achtziger Jahren konstituierten sich Dortmunder Neonazisstrukturen wesentlich aus der rechten Hooligangruppe ‚Borussenfront‘ und der Fußballverein Borussia Dortmund und seine Fankultur dienten Neonazis schon immer als relevantes Aktions- und Rekrutierungsfeld. Zwar sind die Zeiten, in denen Hooligans sich offen auf den Straßen im Umfeld des Stadions zeigten, vorbei und die Aktivitäten haben sich weitestgehend in die Peripherie des Stadions verlagert – nicht zuletzt auch aufgrund staatlicher Kontroll- und Strafmechanismen. Und auch die ‚Borussenfront‘ ist gegenwärtig mehr ein Mythos der Vergangenheit denn eine schlagfertige Truppe. Dennoch lässt sich in Dortmund eine (Re-)union von Neonazis und Hooligans beobachten, die neben der ‚Liebe zum Vaterland‘, die Gewalt, der Kampfsport und ein fetischisierters Bild von Männlichkeit vereint. Diese Verbindung lässt sich insbesondere im Kontext von neonazistischen Kampfsportevents feststellen – deren Organisation von Dortmund aus gesteuert wird. Wir möchten mit dem folgenden Text über diese unheilvolle Zusammenkunft informieren und hierfür Strukturen und Personen aufzeigen, die als Bindeglieder zwischen den Szenen fungieren. Denn zunehmend wird deutlich, dass rechte Hooligans und Neonazis Veranstaltungen, wie den ‚Kampf der Nibelungen‘ für die Vernetzung der Szenen und für völkische Propaganda nutzen.

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Aufruf gegen ‚Alternativen Wissenskongress‘

Am 11. November lädt der Verein zur Förderung des politischen Dialogs e.V. zum 4. Alternativen Wissenskongress (AWK) im Raum Dortmund/Unna ein. Bei dem Kongress handelt es sich um ein Event für und mit Verschwörungsideolog_innen jeglicher Couleur, bei dem Verein um einen Haufen AfD-Aktivist_innen, die u.a. besagte Verschwörungsideolog_innen gerne an ihre Partei binden möchten. Wir unterstützen den folgenden Aufruf der Antifa UNited (Unna), gegen den Kongress aktiv zu werden:

AWK und AfD & (k)eine Lovestory

Der erste Kongress dieser Art fand 2015 in Witten statt. Zu Beginn organisierten diesen noch die AfD-Bezirksverbände in NRW. Auftreten sollten ausgewiesene Größen der verschwörungsideologischen Szene: der extrem rechte Compact-Verleger Jürgen Elsässer, der ebenfalls am rechten Rand wandelnde Karl-Albrecht Schachtschneider, Eberhard Hamer und Wissensmanufaktur-Initiator Andreas Popp. Das war – nach kritischer Berichterstattung – selbst dem damals noch in der AfD aktiven Flügel um Bernd Lucke zu viel. Nachdem dieser unter den Referenten „Verschwörungstheoretiker und Wirrköpfe“ identifizierte, distanzierten sich Lucke und weitere Teile der AfD vom Kongress. In der Folge machten auch die AfD-Bezirksverbände einen Rückzieher, in die Bresche sprang besagter Verein zur Förderung des politischen Dialogs e.V., der allerdings nur ein neues Label für dasselbe Orga-Team darstellte. AfD-Funktionäre wie Ingo Schumacher, Nic Vogel, Udo Hemmelgarn oder Sebastian Schulze planten nun unter dem Deckmantel des Vereins munter an ihrem Kongress weiter. Bis heute wird der Kongress von dem Verein organisiert. Geändert hat sich nur das Prestige, das damit einhergeht.

Waren der Kongress und seine Organisator_innen 2015 noch umstritten, führte der weitere Rechtsruck der AfD und das Wegbrechen des neoliberaleren Flügels dazu, dass sich Vogel beispielsweise Platz neun der Kandidat_innenliste der NRW-AfD für die Landtagswahl 2017 sichern konnte. Bei seiner Vorstellung brüstete er sich, Teil des Orga-Teams des AWK zu sein. Er sitzt heute im Landtag. (mehr…)

Kurzbericht zur Nazikundgebung am 8.Oktober

Am 8. Oktober rief die Partei „Die Rechte“ erneut zu einer Kundgebung im Kreuzviertel auf. Insgesamt 38 Neonazis folgten diesem Aufruf und hielten ein knapp einstündige Kundgebung auf dem Sonnenplatz ab. Als Redner traten hier Michael Brück, Matthias Deyda und Sascha Krolzig auf, letzterer verharmloste dabei in seiner Rede die rechtsterroristische Gruppe „Revolution Chemnitz“. Begleitet wurde die Kundgebung von einem Gegenprotest von rund 200 Personen. Hintergrund für die erneute Kundgebung der Nazis war eine am 3. Oktober ebenfalls am Sonnenplatz stattgefundene Kundgebung (Wir berichteteten: Hier. ).
via @Korallenherz

Dort gab es auf der Rückreise der Nazis einen Angriff auf Gegendemonstranten und die Polizei, nachdem der Lautsprecherwagen der Nazis von einer Flasche getroffen wurde, der Neonazis Matthias Drewer löste hierbei einen Feuerlöscher aus. Daraufhin wurden acht Nazis von der Polizei kontrolliert und wurden kurzzeitig in Gewahrsam genommen.

Die Kundgebung am 8. Oktober reiht sich somit in die Versuche der Neonazis ein, sich als Opfer von polizeilicher Repression zu inzenieren. Die von ihnen gewollt herbeigeführten Provokationen, die zu kalkulierten Eskalationen mit Polizei und GegendemonstrantInnen führen, werden so für die eigene politische Agenda genutzt. Obwohl dieses Vorgehen scheinbar auch der inneren Selbsstärkung nach außen dienen soll, klappt das nur schlecht: Die Teilnehmerzahlen der letzten Kundgebungen dürften unter den Erwartungen der Neonazis geblieben sein. Hinzu kam jeweils starker Gegenprotest.

Die generelle Strategie der Neonazis, mit ihren Kundgebungs- und Demonstrationmarathon den Gegenprotest – gerade in der Zivilgesellschaft – zu schwächen schien zuvor aufgegangen zu sein. Daher sind die letzten Gegenproteste ein gutes Signal gewesen, dass dieser Strategie in Dortmund doch noch etwas, auch kurzfristig entgegenzusetzen ist. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Level nun gehalten werden kann. Schwieriger könnte sich effektiver Protest in den Dortmunder Vororten gestalten, die regelmäßig von Neonazis aufgesucht werden, jedoch über keine nennenswerten zivilgesellschaftliche Strukturen verfügen, anders als in den Stadtteilen in der Innenstadt. Es bleibt daher wichtig, auch abseits der größeren Nazi-Events und dem öffentlichkeitswirksamen Protest gegen die kleineren Nazikundgebungen vorzugehen, gerade dort, wo sie noch Resonanz stoßen.

Pressemitteilung zu den Nazikundgebungen am 3. Oktober

Zur Dokumentation veröffentlichen wir an dieser Stelle eine Pressemitteilung, die von uns am Abend des 3. Oktober verschickt wurden ist. Eine weitere Pressemitteilung hat die Autonome Antifa 170 am 4. Oktober veröffentlicht, die hier zu lesen ist.

Pressemitteilung der Antifaschistischen Union Dortmund

Nach den noenazistischen Demonstrationen am 21. September in Dortmund, die ein bundesweites Medienecho auslösten, stellten Dortmunder Neonazis heute am 3. Oktober nun erneut ihre Gefährlichkeit und Gewaltaffinität unter Beweis.

Zwei Kundgebungen von Neonazis fanden am 3. Oktober in Dortmund statt. Die erste in der migrantisch geprägten Dortmunder Nordstadt, die zweite im Kreuzviertel. Bereits auf der ersten Kundgebung auf dem Nordmarkt provozierten Neonazis verbal anwesende Gegendemonstranten. Aufgrund von Verzögerungen, die dort durch den großen Gegenprotest entstanden, gelangten die Neonazis erst viel später als angekündigt zum Sonnenplatz, dem Ort der zweiten Kundgebung. Die vor den restlichen Versammlungsteilnehmern ankommenden Neonazis im Lautsprecherwagen, stiegen dort bereits bewaffnet mit einem Feuerlöscher und Glasflaschen, die schlagbereit gehalten wurden, aus dem Fahrzeug und bedrohten erneut anwesende Gegendemonstranten.[1]

Unter diesen Neonazis war auch Robin Schmiemann, der als Brieffreund der NSU-Terroristin Beate Zschäpe bekannt wurde. Schmiemann trug bei beiden Kundgebungen ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Combat 18‘.[2] Dies ist der Name eines weltweit agierenden rechtsterroristischen Netzwerkes, in dem auch Dortmunder Neonazis eine Rolle spielen. Combat 18 gilt als Teil des in Deutschland verbotenen militanten ‚Blood & Honour‘-Netzwerks. Erst kürzlich wurde bekannt, dass sich Combat 18 in einer Phase der Reorganisation befinden soll.

Nach dem Ende der Kundgebung am Sonnenplatz fuhr der Lautsprecherwagen mit voller Besatzung, darunter die stadtbekannten und vorbestraften Neonazis Siegfried ‚SS-Siggi‘ Borchardt, Matthias Drewer und Michael Brück (Ratsmitglied der Partei ‚Die Rechte‘), aus der Kundgebung heraus in Richtung der Gegendemonstranten – ohne Polizeibegleitung. Als sich das Fahrzeug den Gegendemonstranten näherte und aufgrund von einer Blockade nicht weiterfahren konnte, rissen die Neonazis die Türen auf und sprühten mit dem bereits zuvor gezeigten Feuerlöscher auf die umstehenden Personen und versuchten diese zusätzlich körperlich zu attackieren.[3] Alle Neonazis aus dem Fahrzeug – bis auf die bereits ältere Luise Wegstroth – wurden daraufhin vorrübergehend in Gewahrsam genommen.

Michael Laskowiak, Pressesprecher der Antifaschistischen Union Dortmund, erklärt dazu: „Nachdem Neonazis mit antisemitischen Parolen im September durch Dortmund gezogen sind, greifen Sie nun auch Personen direkt an.“ Es stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Angriff nicht hätte verhindert werden konnte: „Es ist skandalös, dass Neonazis zu Beginn der Kundgebung unter den Augen von Polizeibeamtem mit Glasflaschen und Feuerlöscher Gegendemonstranten bedrohen können und später mit demselben Feuerlöscher zum Angriff übergehen können. Die Polizei hätte bereits aus der vorausgegangenen Drohung Konsequenzen ziehen müssen, dann wäre es eventuell nicht zu der späteren Tat gekommen“, kritisiert Laskowiak.

Die Antifaschistische Union erwartet daher einen selbstkritischen Umgang der Dortmunder Polizei mit dem Vorfall. „Die Polizei sollte für einen konsequenten und präventiven Umgang mit rechtsextremen Gewalttätern sorgen, erst recht nach den Ereignissen vom 21. September.“ Insgesamt hat der 3. Oktober offenbart, dass sich Dortmunder Neonazis offen zu ihren Verbindungen zum militanten Neonazi-Netzwerk ‚Combat 18′ bekennen und bei Bedarf auch selbst gewalttätig werden.

[1] https://twitter.com/rctoso/status/1047517189555802115
[2] https://twitter.com/Marcus__Arndt/status/1047492217416425473
[3] https://twitter.com/RN_Bandermann/status/1047540620431167488

Zu den Geschehnissen rund um den Naziaufmarsch am 21.09.


Antifa-Demo nach Dorstfeld

Gestern Abend demonstrierten rund 100 Neonazis in den Stadtteilen Dorstfeld und Marten gegen ‚Polizeiwillkür‘ – mehrere Neonazis hatten am letzten Samstag ein Demokratiefest in Dorstfeld gestört und wurden dafür in Gewahrsam genommen. Problematisch an den Demonstrationen gestern war, das Polizeikräfte ledliglich zum beobachtend eingesetzt waren, sodass die Nazis relativ unbegleitet durch die Straßen laufen konnten. Zum anderen war kein Gegenprotest vorhanden, weder von antifaschistischer noch zivilgesellschaftlicher Seite. Dies führte dazu, dass Neonazis mit antisemitischen Parolen und dem Zünden von Pyrotechnik ungestört unter sich bleiben konnten. Ein Zustand, der berechtigt viel Kritik und Entsetzen in Sozialen Netzwerken auslöst. Hierzu ein paar Feststellungen von uns:
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5 Jahre NSU-Prozess – Kein Schlussstrich in München, Dortmund und anderswo!

TAGX-Dortmund

Solidarität mit den Betroffenen des NSU-Terrors!

TAG X | 19 Uhr | Dortmund Reinoldikirche
Demonstration am Tag der Urteilsverkündung | Gemeinsam auf die Straße!

Nach mehr als fünf Jahren und mehr als 400 Prozesstagen geht vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen Beate Zschäpe, André Eminger, Holger Gerlach, Ralf Wohlleben und Carsten Sch. zu Ende. Für das Gericht wird es wohl der Abschluss des NSU-Komplexes sein.

Doch für uns bedeutet das Ende des Prozesses nicht das Ende der Auseinandersetzung mit dem NSU und der Gesellschaft, die ihn möglich machte. Auch bleiben wichtige Fragen zur Rolle des Verfassungsschutzes und anderer Ermittlungsbehörden welche dem Nazi-Trio den Weg bereiteten ungeklärt und unangetastet, was für eine demokratische, offene Gesellschaft eine Schelte ins Gesicht darstellt. Darum wollen wir mit Euch am Tag der Urteilsverkündung auf die Straße gehen und sagen: Kein Schlussstrich! – NSU-Komplex aufklären

Mehr Infos findet ihr unter: fb.com/KeinSchlussstrichDortmund

Der Aufruf:

5 Jahre NSU-Prozess
Kein Schlussstrich!

Aufruf zur Demonstration in Dortmund am Tag der Urteilsverkündung im NSU-Prozess
Am 6. Mai 2013 begann vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen Beate Zschäpe, André Eminger, Holger Gerlach, Ralf Wohlleben und Carsten Sch. Voraussichtlich im Sommer 2018 wird der Prozess nach über 400 Verhandlungstagen zu Ende gehen. Unabhängig davon, welchen Ausgang der Prozess nimmt: Für uns bleiben mehr Fragen als Antworten.
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Antisemitismus bekämpfen! Ein Kommentar zu der Nazikundgebung am 14. Mai

Unter dem Motto „Wir feiern nicht“ wollen Dortmunder Neonazis der Partei ‚Die Rechte‘ am 14. Mai um 19 Uhr an den Katharinentreppen eine Kundgebung anlässlich des 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels abhalten und ihren Hass auf den jüdischen Staat verbreiten. Wir wollen im Folgenden erklären, warum Protest gegen die Kundgebung wichtig ist, sich die Kritik am Antisemitismus aber nicht an Neonazis erschöpfen sollte.

Antisemitismus von rechts

Die angekündigte Kundgebung reiht sich mühelos in eine längere Liste von antisemitischen Aktionen der Dortmunder Neonazis ein. Angefangen von den jährlichen Störungen des Gedenkens an die nationalsozialistischen Novemberpogrome, über das Betreiben eines Online-Shops unter der Domain ‚antisem.it‘ bis hin zur Anfrage im Stadtrat zur Anzahl der in Dortmund lebenden Juden und Jüdinnen wird kaum eine Gelegenheit ausgelassen, antisemitische Ideologie öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Denn Antisemitismus ist zentrales Element des Neonazismus und spiegelt sich beispielsweise in Shoahleugnung und Verschwörungsphantasien wider. Noch am diesjährigen ersten Mai präsentierte die Partei ‚Die Rechte’ auf einer Neonazi-Demonstration in Erfurt ein Transparent mit der Aufschrift: „Ob Dortmund, Erfurt oder Buxtehude – der Feind ist und bleibt der Kapitalismus“. Der Reim auf Buxtehude ist natürlich ein anderer, die Abwandlung zeigt aber deutlich, dass hier Juden und Jüdinnen mit dem Kapitalismus gleichgesetzt werden – ein wesentliches Merkmal des modernen Antisemitismus. Die Neonazis sind nicht im Stande, den totalitären Charakter kapitalistischer Gesellschaften zu verstehen und projizieren ihren vermeintlichen Antikapitalismus auf das Abstrakte und eine antisemitisch personifizierte Zirkulationssphäre. In dieser Ideologie erscheinen Juden und Jüdinnen nicht nur als Quelle allen Übels in der Welt, sondern auch eine globale Gefahr, die zugleich keine Heimat zu haben scheint. Wo also für die Neonazis noch jedes ‚Volk‘ in seiner eigenen ‚Nation‘ eine Existenzberechtigung besitzt, gilt dies für die Juden nicht mehr: „Nach faschistischem Denken sollen die Juden weder bleiben dürfen wo sie sind, noch die Möglichkeit haben, eine eigene Nation zu bilden“ (Adorno). Kein Wunder also, dass es bei der Kundgebung gegen den Staat Israel geht, den die Neonazis aufgrund seiner bloßen Existenz verachten. (mehr…)

Once again: Dem Naziaufmarsch in Dortmund entgegentreten!

Ein Aufruf der Antifaschistischen Union Dortmund gegen den europaweiten Naziaufmarsch am 14. April 2018 in Dortmund.

Am 14. April wollen die Neonazis der Partei »Die Rechte« – wieder einmal – durch Dortmund demonstrieren. Nachdem der letzte größere Naziaufmarsch am 1. Mai 2017 kaum als szeneinternes Erfolgserlebnis dienen konnte, versuchen sie es dieses Mal mit europäischer Unterstützung: Unter dem reißerischen Motto »Europa Erwache« soll nun ein nächster Versuch unternommen werden, ein zentrales Nazi-Event in Dortmund stattfinden zu lassen. Das Elend, dass sich zyklisch mit jedem dieser Vorhaben ankündigt, sorgt berechtigterweise für phlegmatische Stimmung unter AntifaschistInnen. Wer hat schon Lust, jedes Jahr in Dortmund gegen einen von der Öffentlichkeit abgeschotteten Naziaufmarsch anzurennen? Wir jedenfalls nur wenig. Mit Blick auf die alltäglichen Verhältnisse in Dortmund halten wir es dennoch für sinnvoll, im April nichts erwachen zu lassen und die Allmachtsphantasien der Dortmunder Neonazis wieder zurück in das Reich der Träume zu verweisen. Antifaschistische Praxis ist schließlich keine Frage des Fun-Faktors, sondern als gesellschaftskritische Intervention zu begreifen. Wir rufen daher – once again - dazu auf, nach Dortmund zu kommen und die AntisemitInnen und RassistInnen aus ganz Europa in Bedrängnis zu bringen. (mehr…)

Vortrag: Politische Krise und regressive Kollektivität in Europa

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Am 14. April wollen Neonazis aus ganz Europa in Dortmund unter dem Motto ‚Europa Erwache‘ demonstrieren. Die Antifaschistischen Union Dortmund veranstaltet aus diesem Anlass in Kooperation mit der Initiative für Gesellschaftskritik Vorträge, um sich mit dem Themenkomplex Europa auseinanderzusetzen und zu diskutieren, wieso rechte Bewegungen sich derzeit Europa als ideologische Projektionsfläche ausgesucht haben und welche Rolle der völkische Rollback in vielen europäischen Ländern dabei spielt.

Der erste Vortrag findet am 16. März statt mit Daniel Keil statt.

Politische Krise und regressive Kollektivität in Europa

Viele Analysen neurechter und völkischer Bewegungen sind fokussiert auf die jeweilige nationale Entwicklung, was sich zunächst auch erklärt aus dem Gegenstand des Nationalismus. Bei einem zweiten Blick allerdings muss die europäische Dimension in doppelter Weise in eine Analyse eingebunden werden. Erstens im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang der Artikulation der globalen Wirtschaftskrise in und durch die Europäische Union und ihre Spezifika, ohne die auch der Zusammenhang der Krise mit dem Erstarken rechter Bewegungen im Dunkeln bleibt. Hierunter zählt auch, dass im Zuge der Krise es zu einer Reorganisation des Konservatismus kommt. Zweitens in einem darin artikulierten rechten Projekt Europa, das tatsächlich eine pan-europäische Dimension hat, die sich wiederum einerseits historisch tradiert – auch im historischen Faschismus und Nationalsozialismus finden sich spezifische pan-europäische Momente – andererseits gerade in der Feindbestimmung die Materialität der EU-Ebene reflektiert. Der Vortrag versucht, diese Dimensionen aus einer Krisenanalyse heraus herauszuarbeiten, um eine erweiterte Perspektive auf gefährliche gesellschaftliche Tendenzen und auf emanzipatorische Handlungsoptionen zu ermöglichen.

Dr. Daniel Keil ist Gesellschaftswissenschaftler, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und ist Mitglied im Arbeitskreis Kritische Europaforschung.

16. März 2018 | 19 Uhr | Fachhochschule Dortmund, Sonnenstraße 96 | Raum F212

Die Veranstaltung findet mit freundlicher Unterstützung des AStA der FH Dortmund statt.

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.