Archiv für September 2016

Offener Brief zum Auftritt der Band „Grup Yorum“ auf der „Es reicht!“-Demonstration

Offener Brief an die unterstützenden Organisationen, Gruppen und Initiativen des “Es reicht!” – Bündnis

Am 24. September 2016 soll in Dortmund eine große Bündnisdemonstration gegen rechte Gewalt stattfinden. Hintergrund sind die anhaltenden Angriffe durch Neonazis auf antifaschistisch engagierte Personen. Auch wenn wir uns als Gruppe bewusst dazu entschieden haben, nicht Teil eines solchen Bündnis zu werden, so finden wir das grundsätzliche Anliegen der Demonstration richtig. Aus diesem Grund haben wir in den letzten zehn Jahren zu dem Todestag des Punk Thomas “Schmuddel” Schulz eine Gedenkdemonstration gegen rechte Gewalt organisiert. Die Ablehnung und Skandalisierung rechter Gewalt impliziert für uns aber auch die Bekämpfung von Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus. Leider müssen wir feststellen, dass nun die türkische Band “Grup Yorum” zum Abschluss der Demonstration auftreten soll. Dabei handelt es sich um eine Art Musikkollektiv aus der Türkei, die mit wechselnden Musikern unter dem Namen auftritt. Mit diesem offenen Brief möchten wir erklären, warum “Grup Yorum” allerdings nicht auf einer sich als antifaschistisch verstehende Demonstration spielen sollte. Bereits im Oktober 2015 wurde eine geplantes Konzert der Band im “Nordpol” abgesagt, nachdem die auch hier aufgeführten Hintergründe zu “Grup Yorum” bekannt wurden.

Wir hoffen, dass das Plenum des “Es reicht!”-Bündnis ähnlich verfährt und sich damit gegen Antisemitismus, Nationalismus und Antiamerikanismus positioniert.

Bekanntlich besitzt die Band “Grup Yorum” insbesondere in der Türkei fast schon Kultstatus. Durch ihre Texte und ihr marxistisch-lenistisches Selbstverständnis, sind sie insbesondere in der Linken, auch hierzulande, beliebt. Die Repressionen, welche die Band immer wieder durch die türkische Regierung erleben musste, führte in der Vergangenheit oft auch zu Solidaritätserklärungen aus diversen linken Strömungen.

Allein daran lässt sich noch nichts kritisieren. Wir haben uns aber erlaubt, einen genaueren Blick auf die Band und ihre UnterstützerInnen zu werfen. Der Band wird oft eine Verbindung zu der türkischen Organistaion “Devrimci Halk Kurtuluş Partisi-Cephesi”, kurz DHKP-C (zu dt: Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front) nachgesagt. Dies zeigen einige Albumcover und Liedern, die getöteten Mitgliedern der DHKP-C gewidmet sind.1 Die DHKP-C steht auf der Liste der terroristischen Vereinigungen des Rates der Europäischen Union und des Außenministeriums der Vereinigten Staaten. Sie wurde 1994 als Nachfolgeorganisation der Partei “Devrimci Sol” gegründet.2 Ebenso wurden Mitglieder der Organisation immer wieder in der Türkei inhaftiert. Nun kann und sollte man skeptisch sein, was die Verfolgung von türkischen Organisationen durch eine rechtskonservative und nationalreligiöse Regierung angeht. Auf das Konto der DHKP-C gehen allerdings erwiesenermaßen einige Selbstmordanschläge. Insbesondere amerikanische Einrichtungen wurden hierbei zum Ziel: Im Februar 2013 bekannte sich die DHKP-C zum Selbstmordanschlag auf die US-amerikanische Botschaft in Ankara, bei dem außer dem Attentäter ein Wachmann getötet und eine Fernsehjournalistin schwer verletzt wurde. Ebenso griff die DHKP-C Anfang August 2015 das Konsulat der USA in Istanbul an.3 Dass antiimperalistische Organisationen in den USA oft das Böse schlechthin sehen und auch vor tödlichen Attacken gegen VertreterInnen der Vereinigten Staaten nicht zurückschrecken, zeigen Beispiele von der RAF, über Al-Quaida bis eben hin zur DHKP-C. Innerhalb der Organisation wurden die Attentäter als Märtyrer gefeiert.

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