Redebeitrag zur Demonstration am 16.1.2015

Im folgenden unser Redebitrag zur Demonstration „Gegen jeden Antisemitismus“ am 16.01.2015 nach Dortmund-Dorstfeld. Ein abschliessende PM der organisierenden Gruppen findet ihr hier.

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Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde

Wir haben uns heute unter anderem versammelt, weil am Silvesterabend Dortmunder Neonazis mal wieder ihrem Antisemitismus freien Lauf gelassen und einen Gedenkkranz am jüdischen Mahnmal in Dorstfeld in Brand gesteckt haben – dass sie anschließend auch noch die herbeigerufene Polizei mit Pyrotechnik bewarfen ist wohl ihrem zwanghaften Drang nach Militanz zuzurechen.

Dass der vorausgegangene Angriff ausgerechnet einem jüdischen Gedenkort galt, ist wiederum einer politischen Agenda geschuldet, die für Neonazis elementar ist, auf die sie dennoch kein Monopol haben. Antisemitische Gewalt, ob subtil oder direkt, ist ein Phänomen, das global existiert – unabhängig von politischer Einstellung, Nationalität oder Religion.

Der Antisemitismus funktoniert als Welterklärungsmodell, das für komplexe gesellschaftliche und ökonomische Prozesse vermeintlich einfache Lösungen anbietet. Seit dem Mittelalter werden Juden und Jüdinnen mit Macht und Geld assoziert. Der Glaube daran, dass die Juden über eine vermeintliche Macht verfügen, die andere nicht haben, ist ein zentrales Motiv im Antisemitismus, das sich bis heute in den Köpfen von AntisemitInnen festgesetzt hat.

Antisemitismus funktioniert immer durch eine Projektion. Dabei werden einer bestimmten Gruppe – und hier eben den konkreten oder aber als vermeindliche Juden identifizierte Menschen- gewisse Eingenschaften zugeschrieben. In dieser Projektion müssen die Ziele aber nicht zwangsläufig konkret Menschen jüdischen Glaubens sein. Wahlweise und im Sinne einer bestimmten politischen Idee können hier komplizierte sozialökonomische Zusammenhänge oder gesellschaftliche Missstände etwa auf Großkonzerne, Personen aus dem Finanzwesen, PolitikerInnen oder eben „den Juden“ im Allgemeinen projeziert werden.

AntisemitInnen umgehen somit die politische Anstrengung, gesellschaftliche Prozesse und Mechanismen gedanklich zu durchdringen und sie als das zu sehen was sie sind: ein Zustand, der tagtäglich von uns allen reproduziert wird, innerhalb eines Zwangskollektivs von Nationen, Lohnarbeit und staatlicher Gewalt. Und dieses gut funktionierende System, das Auswirkungen auf das Individuum hat und so die Gesellschaft formt, ist nicht von einzelnen Menschen installiert worden, sondern hat sich so über Jahrtausende entwickelt. Neonazis und andere AntisemitInnen verstehen diesen Charakter der Gesellschaft nicht. Sie entwickeln viel zu schnell leichte Lösungsansätze für komplizierte Probleme und begeben sich eine Richtung, an deren Ende eben nicht eine befreite Gesellschaft, sondern die Barbarei des Menschen gegen den Menschen steht.

Dass ausgerechnet Juden und Jüdinnen Zielscheibe dieser Ideologie werden, ist einer Jahrhunderte langen Tradition geschuldet: dem völkisch-rassischen Denken. AntisemitInnen sind immer auch davon überzeugt, dass Menschen qualitativ verschieden sind. Ob sie diese Unterschiede an Nation, Rasse oder Volk festmachen ist ihrer politischen Ausrichtung geschuldet. Klar ist aber bei all diesen Vorstellungen, dass Menschen jüdischen Glaubens allen dreien dieser scheinbar naturgegebenen Kategorien entgegenstehen. Dazu bedienen sich AntisemitInnen ideologischen und politisch gefeilten Konstruktionen, verbiegen Geschichte und kulturelle Entwicklungen und lügen auch mal ganz offen, wie im Falle der sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“, die einen Unterwerfungsplan der eigens konstruierten „jüdischen Rasse“ über die Welt herbei halluzinieren.

Auch heute findet man diese Ansichten immer häufiger offen vorgetragen in verschiedenen politischen Strömungen wieder, etwa wenn auf den sogenannten „Friedensmahnwachen“ eine Unterjochung der Welt durch jüdische Bankerfamilien als größtes Übel unserer Zeit herbeigefaselt wird, von der zionistisch gelenkten Presse die Rede ist oder der Staat Israel als Haupthindernis für den Weltfrieden angesehen wird.

An diesen Beispielen wird noch ein weiteres Merkmal antisemitischer Wahnvorstellungen deutlich: Ihnen ist kaum mit rationalen Argumenten beizukommen. Denn hinter dem Antisemitismus steckt auch immer ein Wahn. Anders ausgedrückt: Im Antisemitismus lassen sich jegliche Ungereimtheiten, Widersprüche und Zustände scheinbar auflösen, weil hinter allem, was passiert – seien es Kriege, Seuchen oder andere Katastrophen – immer ein konspirativer Plan einer höheren politischen Macht steckt. Immer sehen AntisemitInnen ihr jeweils gewähltes oder aufgezwungenes und dennoch von ihnen angenommenes Kollektiv bedroht: sei es ein Staat, eine politische Gruppe oder eine „Rasse“.

Angesichts des gemeinsamen Feinds können sich alle RassistInnen, NationalistInnen und völkisch argumentierenden Gruppen zusammentun und ihn bekämpfen – zur Wahrung ihrer sie verbindenden Angst um die kollektive Identität.

Dass mit diesem Kampf weder eine bessere Welt entstehen kann, noch Menschen geholfen wird, mag einleuchtend klingen. AntisemitInnen aber können sich nicht einfach sich von diesem Denken lösen. Es bedarf Anstrengung, die zusammenphantasierte eigene Identität aus Pass, Herkunft und Familie beiseitezulegen und sich zu einem eigenständigen Individuum zu entwickeln.

Viele AntisemitInnen – und eben auch die dumm-deutschen Dortmunder Nazi-Schläger – haben nie auch nur versucht, sich von irgendwelchen Ketten zu befreien, sondern schmieden weiter an der Weltsicht, die uns hier nach Dorstfeld und auch so nah an unterschiedlichste Abgründe menschlichen Lebens gebracht hat.

Dieser völkische Kampf gegen eine Gesellschaft auf Grundlage von individueller Emanzipation und freier Assoziation ist nicht neu. Auch der weltweite Schulterschluss von RassistInnen, völkischen Kräften und etwa religiösen FanatikerInnen, die überall den Teufel am Werk sehen, ist nicht neu.

In den 90er Jahren solidarisierten sich deutsche Nazis mit dem Kampf Sadam Husseins gegen Israel, und vergangenen Sommer demonstrierte die Partei „Die Rechte“ in Dortmund gegen Israels Verteidigungskrieg gegen die antisemitische Hamas. Wer hier keinen Zusammenhang sieht, ist entweder historisch blind oder hat etwas für den Antisemitismus überig. Dass Neonazis dabei zusammen mit islamistischen Judenfeinden auf die Straße gehen, ist nur bedingt ein Widerspruch, Antisemitismus hat hier eine Scharnierfunktion.

Menschen müssen keine bekennenden NationalsozialistInnen sein, um AntisemitInnen zu sein. Wer behauptet, dass der Staat Israel im Bezug auf die PalestinenserInnen eine ähnliche Politik wie Nazideutschland verfolgt, wer den völkischen Argumentationen diverser Gruppierungen auf den Leim geht oder das Ressentiment einer konspirativen Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika als Antikapitalismus deklariert, ist schon mittendrin im völkisch-antisemitischen Wahn.

Um es klarzustellen: Es gibt kein Tabu von Kritik an der israelischen Politik, wie von sogenannten “IsraelkritikerInnen” gerne behauptet wird. Der Mythos des vermeintlichen Tabus dient vielmehr dazu, den Hass auf den jüdischen Staat zu rechfertigen. Denn da wo sachliche Diskussionen über Israel aufhören, beginnt der Antisemitismus. Für AntisemitInnen ist Israel die Projektionsfläche für ihren Wahn. Dabei ist es gleichgültig, was Israel macht, denn Kritik an Israel sagt in der Regel nichts über den Staat aus, sondern nur über seine KritikerInnen. Und wenn wir hier heute gegen Antisemitismus demonstrieren, dann bedeutet dies für uns auch Solidarität mit Israel. Denn kein anderer Staat ist zur Zeit besser dazu geeignet, um Juden und Jüdinnen vor Antisemitismus zu schützen.

Die Anschläge auf jüdische Kindergärten in Toulouse 2012, die Ermordung von Jüdinnen und Juden in einem koscheren Supermarkt letzte Woche in Paris und die Angriffe auf Synagogen während des letzten Krieges der Hamas gegen Israel sind leider nur die Spitze eines Eisberges, der nicht zu schmelzen scheint, sondern um seine Mitte herum immer weiter genährt wird. Er entwickelt sich prächtig, verleibt sich viele Ideologien und politischen Ansichten ein und zerstört in seinem wahnhaften Rausch weltweit emanzipative Versuche und Initiativen, die Menschen dazu bringen möchten, sich anzuschauen und festzustellen, dass sie gemeinsam in der selben Scheiße sitzen in die niemand als sie selbst sich durch ihre Fixierung auf Staat, Nation, Rasse und Kapital reingeritten haben – und somit auch nur sie selbst sich dort wieder herausarbeiten können. Denn nur so bleibt überhaupt ein Funke Hoffnung, einen Zustand zu erkämpfen, in dem Menschen ohne Angst unterschiedlich sein und sich selbstorganisiert frei assoziieren können.

In diesem Sinne: Gegen jeden Antisemitismus – Für diesen Kommunismus !

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