Paradigmenwechsel bei „Schmuddel“-Demo am 31.03. in Dortmund

Am 28. März 2005 wurde der Punk Thomas „Schmuddel“ Schulz von dem damals 17-jährigen Neonazi Sven Kahlin ermordet, weil Thomas die rechten Sprüche des Naziskins nicht unkommentiert stehen lassen wollte. Kurz darauf demonstrierten mehr als 4.000 Antifaschist_innen in Dortmund gegen Neonazis. Dazu hatte ein breites Bündnis antifaschistischer Gruppen aufgerufen. Seither organisieren Dortmunder Antifaschist_innen jedes Jahr eine Demonstration in Gedenken an Thomas Schulz, an der regelmäßig mehrere Hundert Personen teilnehmen. Der alljährliche Aufzug zum Monatswechsel vom März zum April ist weitläufig auch als „Thomas-Schulz-Gedenkdemo“ oder kurz „Schmuddel“-Demo bekannt.

Im Zuge der Nachbereitung der jährlichen Demonstrationen und der Reflexion unserer Erinnerungspolitik, wurde zunehmend eine Diskrepanz zwischen unseren Ansprüchen und Zielvorstellungen auf der einen Seite und der praktischen Entwicklung und öffentlichen Wahrnehmung der Demo, auf der anderen Seite wahrnehmbar. Wir wollen deshalb im Folgenden begründen, weshalb wir die kommende Demo im März 2012 nicht mehr als „Thomas-Schulz-Gedenkdemo“ verstanden wissen wollen.

Um nicht missverstanden zu werden: Mit dieser Entscheidung, geht keinesfalls eine Entsolidarisierung mit Thomas Schulz einher. Wir wollen lediglich den Ergebnissen unserer Diskussionen Rechnung tragen, dass wir uns fortan vor allem in Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung nicht mehr auf Thomas Schulz allein fokussieren wollen. Zwar ist der Jahrestag seiner Ermordung nach wie vor der ursprüngliche Anlass für diese Demonstration und wir werden auch weiterhin den rechten Mord, sowie diese und nachfolgende Gewalttaten seines Mörders thematisieren, allerdings wollen wir die theoretische Auseinandersetzung auf alle Formen und Betroffene von rechter Gewalt ausweiten. Denn zum einen beweisen nicht nur 182 Todesopfer rechter Gewalt, dass der Neonazismus und mit ihm verwandte bzw. in ihm eingeschriebene Ideologien mörderisch sein können. Zum anderen geben uns die rechten Gewalttaten speziell der Dortmunder Neonaziszene leider immer wieder Anlass, auf die Straße zu gehen. Beide hier angesprochenen Aspekte verdeutlichen damit zugleich auch die vielfältigen Artikulationsformen rechter Gewalt (Brandanschläge, Psycho-Terror, Übergriffe, Morde…) und machen klar, dass rechtsmotivierte Gewalt nicht nur durch Neonazis ausgeübt wird, sondern vor allem auch durch Angehörige der Mehrheitsgesellschaft. Wir erweitern in diesem Zusammenhang also lediglich unsere Theorie vom Begriff der rechten Gewalt.

Ein zweiter wichtiger Aspekt, den wir hier ansprechen wollen, ist die Tatsache, dass wir die anstehende Antifa-Demo nicht mehr nur nicht als „Gedenkdemo“ bezeichnen wollen, sondern das auch zukünftig unserem Verständnis zuwider läuft. Wir sind unzufrieden mit den bisherigen Formen antifaschistischer Gedenkpraktiken: Diese orientieren sich – aus Ideen- oder vielleicht auch aus Perspektivlosigkeit von Gedenkritualen überhaupt – zumeist nur an christlich oder militärisch konnotierten Ritualen, wie Kranzniederlegungen oder Schweigeminuten. Wir finden diese Formen (die wir zum Teil selbst jahrelang praktiziert haben) nun eher weniger sinnvoll, weil sie unserer Einschätzung nach nicht das zum Ausdruck bringen können, was wir uns als Teil der radikalen Linken wünschen: nämlich kein stilles Gedenken, sondern eine Kritik und praktische Politik, die darauf abzielt, jene bestehenden Verhältnisse analytisch zu fassen und abzuschaffen, die neonazistische und rechte Gewalt überhaupt erst ermöglichen. Mit einem in sich gekehrten (auch kollektiven) Gedenken ist dies kaum möglich, zumindest wenn es lediglich auf individuelle Trauerprozesse gerichtet ist. Es geht uns natürlich nicht darum, diese jemandem abzusprechen, doch in Bezug auf unsere kommende Demo, erscheinen uns solche Gedenkrituale für unsere zukünftige Ausrichtung von Erinnerungspolitik nunmehr unpassend.

Die Demo am 31.03. soll also zumindest unseren Vorstellungen nach nicht mehr als „Thomas-Schulz-Gedenkdemo“ bezeichnet und verstanden werden. Inwiefern sich dieser Paradigmenwechsel nun auch in der praktischen Umsetzung und der öffentlichen Wahrnehmung niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Man erkennt in diesem Text vielleicht die Schwierigkeiten, die wir bei der Formulierung dieses Textes haben, schließlich gab es nach unserem Kenntnisstand bisher keine öffentliche Diskussion über Sinn und Nutzen antifaschistischer Gedenkpraktiken.

Dieser Text spiegelt den bisherigen Stand unserer Diskussionen wieder und stellt somit kein absolutes und geschlossenes Kapitel dar. Wir sind gerne zur Diskussion über das Thema bereit und freuen uns auf konstruktive Beiträge und Kontaktaufnahmen. Abschließend bleibt zu sagen, dass wir mitten in der Planung für die antifaschistische Demonstration am 31.03. sind und euch bald über den Stand der Dinge informieren werden.

Neonazis und deutsche Zustände bekämpfen!
Kein Opfer rechter Gewalt wird von uns vergessen –
Keinem Täter wird vergeben!

Dortmunder Antifa-Bündnis,
Januar 2012

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