Bis zu 600 Antifas gedachten “Schmuddel”


Am Samstag, dem 03.04, fand die nun mehr sechste antifaschistische Demonstration in Gedenken an Thomas Schulz in Dortmund statt. Versammelten sich anfänglich rund 350 AntifaschistInnen am Hauptbahnhof, wuchs der Aufzug im weiteren Verlauf auf bis zu 600 DemonstrantInnen an. Die Antifas waren dem Aufruf “Linke Freiräume erkämpfen!” gefolgt und demonstrierten weitgehend störungsfrei durch die nördliche Innenstadt gegen Neonazis und Dortmunder Zustände, in Gedenken an Thomas Schulz und alle anderen Opfern rechter Gewalt. Die Demo wurde nach mehreren Zwischenkundgebungen am U-Bahnhof Kampstraße, an dem der Punker “Schmuddel” vor fünf Jahren von dem Neonazi Sven Kahiln ermordet wurde, beendet.

Ab ca. 15 Uhr versammelten sich bei leicht bewölktem Wetter ca. 350 AntifaschistInnen unterhalb der Katharinentreppe. Der Aufruf „Linke Freiräume erkämpfen!“ wurde dieses Jahr von 40 antifaschistischen Gruppen und Initiativen unterstützt. Bei der Auftaktkundgebung wurden zuerst Hinweise zum Ermittlungsausschuss und zum Umgang mit Film- und Fotoaufnahmen auf der Demo verlesen. Danach hörten DemonstrantInnen ebenso wie umherstehende PassantInnen den Aufruf. In diesem wird auf die Ermordung Thomas Schulz’ und das Treiben der Dortmunder Neonaziszene im Allgemeinen hingewiesen und zudem die Notwendigkeit antifaschistischen Selbstschutzes und einer linken Gegenkultur betont.

Anschließend setzte sich der Aufzug, der zwischenzeitlich auf bis zu 600 TeilnehmerInnen angewachsen war, über den Königswall in Richtung Burgtor in Bewegung. Nachdem dabei in einem Redebeitrag auf die sich am Königswall befindende gemeinsame Anwaltskanzlei von den Nazianwälten André Picker und Susanne Zimmermann hingewiesen und deren Bedeutung für die rechte Szene beschrieben wurde, stoppte die Polizei den Aufzug nach nur wenigen Hundert Metern wegen angeblicher Vermummung einiger TeilnehmerInnen. Die Polizei zog dabei auf der Höhe der alten Post ein Großaufgebot zusammen und baute eine Drohkulisse auf. Zudem wurden die Demonstration offensiv von mehreren Polizeieinheiten abgefilmt. Nachdem die TeilnehemerInnen dann demonstrativ die Sonnenbrillen ablegten, konnte sich der Aufzug nach guten 20 Minuten unfreiwilliger Wartezeit gegen 17 Uhr wieder in Bewegung setzen.

Weiter ging es übers Burgtor und die Leopoldstraße zur ersten Zwischenkundgebung gegenüber der Mahn- und Gedenkstädte Steinwache an der Steinstraße. Hier wurde in einem Redebeitrag die Geschichte des alten Dortmunder Gestapogefängnisses, in dem von 1933 bis 1945 insgesamt 65.000 Personen inhaftiert wurden, geschildert. Das von ehemaligen Insassen als „Hölle von Westdeutschland“ bezeichnete Gefängnis verfügt seit 1992 über die ständige Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945″ des Stadtarchivs Dortmund. Die AntifaschistInnen wollten damit nicht nur den Opfern neuer rechter Gewalt gedenken, sondern auch an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Über die Grüne Straße ging es dann durch die belebte Einkaufsstraße Schützenstraße, wo übereifrige PolizistInnen sich genötigt sahen, durch Schubsereien in die Demospitze eine Eskalation herbeizuführen. Durch das konsequente und besonnene Verhalten der OrdnerInnen konnte dies aber verhindert werden. An der Kreuzung zur Mallinckrodtstraße angekommen, kam es plötzlich zu lauten Knallgeräuschen. Auf dem Dach eines Eckhauses an der Kreuzung entrollten AntifaschistInnen ein Transparent mit dem „Siempre Antifacsista“-Logo, zündeten Feuerwerkskörper und Bengalos und grüßten die DemonstrantInnen mit dem Schwenken von Antifa-Fahnen. Einige Zivileinheiten drangen daraufhin in das Haus vor und versuchten erfolglos die Antifas vom Dach zu holen. Diese konnten allerdings unerkannt entkommen. Es folgte ein Redebeitrag der Antifa Essen Z über die Essener Neonaziszene und den dortigen Thor Steinar-Laden Oseberg, wobei zugleich auf die bevorstehende Demonstration gegen das einjährige bestehen des Ladens und rechten Lifestyle im Allgemeinen, am kommenden Samstag, hingewiesen wurde.

Nach dieser zweiten Zwischenkundgebung ging es lautstark über die Mallinckrodtstraße zu einer weiteren Einkaufsstraße in der nördlichen Innenstadt, die Münsterstraße. In der belebten Einkaufspassage wurde dann die dritte Zwischenkundgebung abgehalten. Dort folgten ein Redebeitrag der FAU Dortmund, indem die Kritik an der staatlichen Extremismus-Formel geübt und die ökonomische Grundlage dieser Gesellschaft thematisiert wurde. Der AK Freiraum verlieh danach der Forderung zur Schaffung eines linken Zentrums in Dortmund Nachdruck: „Ob als Anlaufstelle für Interessierte oder zur Vernetzung, linke Freiräume sind für antifaschistische Strukturen unabdingbar“, stellte der Arbeitskreis in dem Redebeitrag fest.

Danach ging es wieder durch die Einkaufspassage über die Leopoldstraße. In der Kneipe „Ernie“ befanden sich einige Neonazis, die von der Polizei geschützt werden mussten, als sich der Demozug näherte. Weiter ging es unter der Eisenbahnbrücke hindurch über den Wall. Kurz bevor die Demo in die Kuckelke Richtung Innenstadt einbog, kam es noch zu einer unschönen Szene. Zwei Demonstrationsteilnehmer, die zuvor die Demo verlassen hatten, sahen sich offenbar dazu genötigt, sich auf einen Stromkasten zu stellen und der Gedenkdemonstration konfrontativ eine Flagge der Palästinensischen Autonomiegebiete entgegenzustrecken und diese dadurch zu provozieren. Der Demozug versuchte in dem anfänglichen Glauben, dass es sich um Neonazis handle, zu diesen durchzubrechen, ließ dann aber von diesem Vorhaben ab.

Anschließend ging es durch die stark frequentierte Innenstadt bis zur Abschlusskundgebung an der U-Bahnhaltestelle Kampstraße. Hier hielt die Antinationale Antifa Dortmund einen Redebeitrag über neonazistische Morde in Europa. Danach hielt eine Person der Erfurter Freirauminitiative Hände hoch! Haus her! einen Mobilisierungsbeitrag für die Aktionswochen mit abschließender bundesweiten Demonstration „Selbstverwaltete Zentren erkämpfen!“ in Erfurt. Die Antifaschistische Jugend Bochum warb schließlich noch für ihre Antifa-Demo am kommenden Wochenende. Zur Tatzeit, um 19.00 Uhr, als der Neonazi Sven Kahlin sein Messer mit erheblicher Wucht in die Brust von Thomas Schulz rammte, hielten die AntifaschistInnen eine Gedenkminute ab. Danach wurde sich bei Allen für die Unterstützung und Teilnahme bedankt und die Demo aufgelöst. Auf dem Rückweg zum nahe gelegenen Hauptbahnhof führte die Polizei willkürlich Personalienkontrollen bei AntifaschistInnen durch. Nach Augenzeugenberichten gab es am Hauptbahnhof noch eine Festnahme, wobei dem Ermittlungsausschuss keine näheren Angaben über die festgenommene Person gemacht werden konnten, weshalb wir die betroffene Person bitten, sich bei uns zu melden. Von neonazistischen Störaktionen ist uns hingegen nichts bekannt. Zwar hielten sich vereinzelt einige wenige Neonazis an der Route auf, diese beeinträchtigen den Demonstrationsverlauf allerdings in keiner Weise.

Am Abend gab es dann noch eine mit rund 300 Personen sehr gut besuchte Freiraumparty in einem leerstehenden Gebäude im Dortmunder Hafen. Nachdem mehrere Live-Bands performten, traten zwei DJane-Teams auf und sorgten, ungestört von Polizei und Nazis, für gute Stimmung bei den Feiernden. Dies war nicht die erste Party dieser Art und wird mit Sicherheit auch nicht die letzte gewesen sein.

Insgesamt war dies also ein erfolgreicher Tag für die antifaschistische Linke in Dortmund und Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen der Vorbereitung zur diesjährigen Gedenkdemo sind die verschiedenen autonomen Antifa-Gruppen aus Dortmund enger zusammengerückt und neue Einzelpersonen und jüngere Gruppen konnten mit in die Organisation eingebunden werden und haben ihren Beitrag zum gelingen dieses Tages geleistet. Die anschließende Freiraumparty, an der die Hälfte der bis zu 600 DemonstrantInnen teilnahm, war ein riesen Erfolg. Die Piratenparty lies dem Aufruf, linke Freiräume zu erkämpfen, auch zur politischen Praxis werden. Die mit rund 600 Personen gut besuchte Demo lag ganz klar hinter unseren eigenen Erwartungen. Das mag neben der Tatsache, dass am selben Tag ein Naziaufmarsch in NRW stattfand und es zeitliche Überschneidungen zu anderen kulturellen Events gab, viele Gründe haben. Über diese und weitere Aspekte werden wir ausführlich mit allen an der Organisation beteiligten Einzelpersonen und Gruppen diskutieren und uns Möglichkeiten überlegen, im nächsten Jahr wieder mehr Menschen auf die Straße zu bringen. Aber angesichts unseres erreichten Ziels, die lokalen Antifa-Gruppen besser zu vernetzen, können wir diesen Tag hauptsächlich positiv bewerten.

Wir danken hiermit allen Gruppen und Einzelpersonen, die uns bei der Organisation geholfen haben und uns in unserem Anliegen, antifaschistische Freiräume zu erkämpfen, unterstützt haben. Für Fragen, Anregungen und Kritik zur diesjährigen Gedenkdemo, aber auch zu unserer Arbeit im Allgemeinen, sind wir immer offen. Schreibt uns dazu – nach Möglichkeit verschlüsselt – eine E-Mail.

Antifaschistische Union Dortmund,
April 2010

Presse:
Marsch in Gedenken an „Schmuddel“ (RN)
Gedenken an „Schmuddel“ (WE)
Protestler feierten am Hafen Dortmund Piratenparty (WE)
Gedenkdemo 2010: Erste Impressionen

Weitere Bilder:

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