Interview mit Kiezsport zur Gedenkdemo

Thomas-Schulz-Gedenkdemo 2009
Anlässlich der alljährlichen antifaschistischen Demonstration in Gedenken an Thomas Schulz führte die Kiezsport-Redaktion ein Interview mit den Mitgliedern unserer Gruppe. Dieses möchten wir hier im Folgenden dokumentieren.


Ihr ruft am Samstag, den 03.04., nun bereits zum sechsten Mal zu einer Gedenkdemo an den Punk Thomas „Schmuddel“ Schulz, der am 28.3.2005 von einem Neo-Nazi in der U-Bahnstation Kampstraße erstochen wurde, auf. Was erhofft ihr euch von der diesjährigen Demo?

Alex: »Vorweg: Die Demo zum Gedenken an die Ermordung von Thomas „Schmuddel“ Schulz stellt für uns als Gruppe eine überaus wichtige Aktion dar. Wir haben uns als Gruppe 2005 gegründet. Der Anstoß sich als Personen aus verschiedenen Spektren der antifaschistischen Bewegung eben zu einer Union zusammenzufinden waren die heftigen Attacken der Nazis in Dortmund 2005. Aber zurück zu deiner Frage. Wir erhoffen uns wieder eine gut besuchte und kraftvolle Demo. Das ist eine Besonderheit der Demos zum 28.03. der letzten Jahre. Sie waren für NRW-Verhältnisse überdurchschnittlich gut besucht und die Stimmung war einfach immer sehr kämpferisch und solidarisch. Damit meine ich, dass Gruppen, die sich sonst nicht besonders grün sind, an diesem Tag zusammenstehen.«

Katja: »Stimmt! Aber nicht nur an dem Tag selber, sondern bereits in der Vorbereitung wollen wir eine stärkere Kooperation der Dortmunder Antifa-Strukturen erreichen. Da ist schon einiges in Bewegung, was uns sehr freut. So rufen dieses Jahr alle Gruppen zur Demo auf. An dieser Stelle lieben Dank an den Support vom Antifa Impuls, der Antinationalen Antifa, der Antifa Jugend, dem Antifa Medienzentrum und dem AK Freiraum. Außerdem wollen wir durch die stärkere Einbindung anderer Gruppen auch deutlich machen, dass wir diese Demo nicht exklusiv für uns beanspruchen wollen, auch wenn wir es sind, die das Ding jedes Jahr vorbereitet, gestemmt und ja – auch ein Aspekt – finanziert haben. Dieses Jahr soll ein stärkerer praktischer Bezug auf linke Freiräume in Dortmund genommen werden. Hier gibt es zwar schon ein gutes Angebot aber nicht zuletzt auf Grund der relativ großen Anzahl von Gruppen die keinen Zugang zu geeigneten Räumen haben, bleibt da auch noch eine Menge Arbeit zu tun.«


Nachdem es im letzten Jahr mit knapp 1000 Menschen nach Dorstfeld ging und dort den ansässigen Neo-Nazis deren vermeintliche Homezone demonstrativ streitig gemacht wurde, auf was können sich die Leute dieses Jahr freuen?

Alex: »Die Demo hat dieses Jahr auf jeden Fall eine andere inhaltliche Stoßrichtung, das ist offensichtlich. Es geht uns mehr darum, etwas für die eigene Szene und die eigenen Viertel zu tun. Der Fokus liegt darauf, Räume zu erkämpfen, in denen sich Menschen frei von Antisemitismus, Rassismus und Sexismus bewegen können. Das kann mit einer Demonstration natürlich erst einmal nur symbolisch und temporär geschehen. Aber wir hoffen, dass sich die Demonstration als Anfang einer Entwicklung darstellt. Es wird neben den üblichen Redebeiträgen über Naziszenen in anderen Städten auch etwas Inhaltliches zu faschistischen Morden in Europa, zur Notwendigkeit von linken Freiräumen und deren begrenzten Wirksamkeit in kapitalistischen Verhältnissen geben und wir freuen uns über einE GastrednerIn aus Berlin, die/der über die Dieter-Eich-Gedenkdemo am 25.05. informieren wird. Darüber hinaus begrüßen wir, dass es eine Kooperation mit dem Projekt siempre antifascista gibt. Es sind auch diverse Aktionen auf der Demo geplant, von denen wir noch nicht zu viel verraten wollen. Nur so viel, es wird laut und bunt.«


Neben der eigentlichen Gedenkdemo, läuft da eigentlich noch etwas in Bezug auf das Erinnern an Thomas?

Katja: »Klar! Wir haben uns einiges vorgenommen und von der einen oder anderen Aktion werdet ihr noch hören. Wir werden mit verschiedenen Aktionsformen faschistische Morde in Europa thematisieren. Wir werden Zeichen setzen, um Orte symbolisch zu vereinnahmen.«


Der Aufruf ist dieses Jahr etwas anders. Neben den zahlreichen anderen Opfern rechter Gewalt im Europa der letzten Jahre, bezieht ihr euch explizit auch auf den Kampf um Freiräume. Warum dieser Wandel?

Alex: »Wir würden das nicht direkt als Wandel bezeichnen. Wir haben halt dieses Jahr einfach den Schwerpunkt der Demo verlagert. Linke Freiräume zu erkämpfen – und sei es auch nur temporär – gehörte schon immer zu unserem Aktionsfeld. Allerdings macht es ja auch wenig Sinn, jedes Jahr bei den gleichen Nazis vor der Haustür zu stehen. Deshalb sind wir auch in der Vergangenheit immer andere Routen gelaufen und werden auch in den kommenden Jahren immer mal wieder etwas Anderes in den Fokus der Demo stellen. Trotzdem war die Demo letztes Jahr nicht unser letzter Besuch in Dorstfeld.«

Katja: »Eben. Aber wie wir gemerkt haben sind Überraschungsbesuche in unserem Lieblingsstadtteil oft viel lustiger. Die Kameraden haben es ohnehin schon gemerkt, dass die Antifa sie öfter mal besuchen kommt. Die aktive Dortmunder Naziszene ist aber weiterhin Grund für diese Demo. Allerdings wollen wir uns nicht nur an Nazis abarbeiten, sondern die eigenen Strukturen stärken und unser inhaltliches Profil schärfen. Linke Freiräume, wie zum Beispiel Cafés sind gerade in Dortmund wegen der Vernetzung wichtig und um neuen Leuten und Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen und mit uns in Kontakt zu treten. Aber auch andere Formen wie Besetzungspartys sind wichtig, nicht hauptsächlich deshalb, um die eigenen szenekulturellen Bedürfnisse nach Spaß und Identität zu befriedigen, sondern um auf Probleme der Gentrifizierung aufmerksam zu machen und unkommerzielle Kultur zu ermöglichen.«


Was verhindert eurer Meinung nach in Dortmund die Schaffung von Räumlichkeiten, in denen sich Jugendliche fernab von Sexismus, Rassismus, Antisemitismus etc. entfalten und politisch arbeiten können?

Alex: »Na, vor allem Schwierigkeiten mit den örtlichen Verhältnissen: Sowohl eine ignorante Lokalpolitik, die zwar eine Koordinierungsstelle gegen Rechts schafft, aber nicht mit antifaschistischen Jugendlichen in Kontakt tritt und deren Anliegen anhört. Zum anderen aber auch mangelnde Kooperation untereinander. Da muss man auch mal selbstkritisch eingestehen, dass alle Antifa-Gruppen aus Dortmund da bisher so nebeneinander her gelebt haben, anstatt mal das direkte Gespräch untereinander zu suchen. Aber wir sind auf dem besten Wege dies zu ändern. Natürlich spielen finanzielle Aspekte auch immer eine Rolle.«


Was meint ihr damit, ihr seid auf dem beste Wege dies zu verändern? Wie seht ihr die Zukunft in Dortmund, gerade im Bezug auf die linksradikale Szene?

Katja: »Also, momentan zeichnet sich eine sehr positive Entwicklung ab. Die Antifa-Gruppen wachsen zusammen. Es ist gut zu sehen, dass Vorbehalte unter den Gruppen, die zum Teil bewusst von Dritten geschürt worden sind, abgebaut wurden. Wir haben festgestellt, dass wir uns trotz unserer Verschiedenheit einig sind, uns nicht grundlegend ändern zu brauchen, um gemeinsam gegen Nazis in Dortmund zu kämpfen. Die Demo zur Ermordung von Thomas bleibt weiterhin ein wichtiges organisatorisches und öffentliches Projekt, um die Szene zu stärken und das Problem einer starken Naziszene in die Öffentlichkeit zu bringen.«

Alex: »Dem kann ich nur zustimmen. Gerade nach den Erfolgen in Dresden, zumindest was die Verhinderung des Aufmarsches angeht, muss nun in Dortmund geguckt werden, was zusammen in Bezug auf den Aufmarsch zum Antikriegstag geht. Und da glauben wir, dass sich da schon viel bewegen wird und viel Arbeit auf uns zukommt. Uns geht es nicht um eine Leuchtturmpolitik, bei der man „nur“ zu einer Gedenkdemo und zu Protesten gegen den Naziaufmarsch im September aufruft, sondern wir wollen auch die anderen 363 Tage im Jahr aktiv sein und den Nazis das Leben ein wenig schwerer machen. Wichtig ist, dass die linksradikalen Strukturen hier vor Ort sich besser vernetzen und zusammenarbeiten. Wie allerdings mit den zivilgesellschaftlichen Strukturen und der Stadt umzugehen ist, bleibt aber abzuwarten. Da hat uns die Vergangenheit schon sehr zurückhaltend werden lassen. Aber wir bleiben da am Ball, wenn ihr versteht.«


Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Viel Erfolg und Kraft für die Demo und die nächsten Aktionen! Noch ein paar abschließende Worte?

Alex: »Gern geschehen. Wir hoffen einfach, dass wir wieder eine gut besuchte und erfolgreiche Antifademo in Dortmund haben werden und auch in Zukunft erfolgreich gegen Nazis vorgehen können.«

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