Wider den Naziterror! Die „Schmuddel“-Demo im Jahr 2009

Am 28.03.2009 werden auf den Todestag genau wieder zahlreiche AntifaschistInnen bei der diesjährigen Gedenkdemo „Keine Homezone für Nazis!“ an den vor fünf Jahren von dem Naziskin Sven Kahlin ermordeten Punker Thomas “Schmuddel” Schulz in Dortmund erinnern. Doch anders als die letzten Jahre zuvor, werden wir diesmal ein neues Demo-Konzept durchziehen.

Der Ereignisse um den Mord am 28. März 2005
Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass am Abend des 28. März 2005 der Punk Thomas “Schmuddel” Schulz in der U-Bahn-Station Kampstraße von dem damals 17-jährigen Naziskin Sven Kahlin brutal niedergestochen wurde und kurze Zeit später verstarb. “Schmuddel” wollte die rechten Provokationen Kahlins nicht unkommentiert lassen und bezahlte seinen Mut und seine Zivilcourage letztendlich mit seinem Leben. Die organisierte Neonaziszene in Dortmund sprach in Bezug auf Kahlin von einem “Kameraden” und schickt ihm weiterhin alljährlich Grußkarten. Die Verlautbarungen der Dortmunder Kameradschaft nach dem Mord zeugten von einem enormen Selbstbewusstsein und einer noch größeren Gewaltbereitschaft: „Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet“, hieß es im Internet. In der Nacht vom 30. auf den 31. März folgte die nächste Attacke, dieses Mal auf die Mahnwache an der Kampstraße. Ein 23-jähriger einschlägig vorbestrafter Neonazi drohte bereits am Nachmittag gegenüber einem Punk: „Ich stech Dich auch ab“, ehe er nachts die an der Mahnwache anwesenden Punks mit einem Messer angriff. Verletzt wurde glücklicherweise niemand, die Polizei konnte den Täter stellen.
Kurz darauf demonstrierten mehr als 4.000 AntifaschistInnen in Dortmund gegen Neonazis. Dazu hatte ein breites Bündnis antifaschistischer Gruppen aufgerufen. Der Mord bewirkte zwar kurzzeitig eine mediale Skandalisierung. Gegenüber dem im Sommer 2000 praktizierten „Aufstand der Anständigen“ blieb hier eine breite zivilgesellschaftliche Teilnahme an der Empörung aber weitgehend aus. Die Tat wurde bald zum Konflikt zwischen linken und rechten Jugendbanden verklärt und schlussendlich durch das richterliche Urteil vollends entpolitisiert.

Resümee der letzten Jahre
Der Mord und somit die Aktualität und das damit verbundene (mediale) Interesse rückt immer weiter in die Ferne, zum anderen wird von bürgerlicher Seite die immer noch akute Neonazigewalt weitgehend nicht wahrgenommen und von der Lokalpolitik wird sie verharmlost oder sogar ignoriert.
Mit dieser antifaschistischen Demonstration wollen wir gleichzeitig mehrere Anliegen kundtun. Wichtig ist es für uns an Thomas Schulz zu erinnern, klar, aber umso wichtiger finden wir es von diesem personifizierten Symbol des Naziterrors den Blick auf die systematische Nazibedrohung als Ganzes, auszuweiten. Denn nach wie vor stellen die Neonazis für alle eine reale Gefahr dar, die sich gewerkschaftlich, antifaschistisch, kommunistisch oder irgendwie links organisieren und aktiv werden. Auch der bagatellisierende Umgang des hiesigen Polizeiapparates mit der Naziproblematik war für uns immer ein Thema bei den Demonstrationen.
Erfreulich ist allerdings, dass die antifaschistische Linke in Dortmund weiterhin sehr aktiv ist, sich organisiert und vernetzt, sich inhaltlich und praktisch weiterbildet und auch nach außen hin stärker wahrnehmbar ist. Mehrere aktive Antifa-Gruppen haben sich in der letzten Zeit gegründet, interne und öffentliche Schulungs- und Infoveranstaltungen finden unter anderem auch im Rahmen von dem linken Café “Move Ya!” statt und auch HausbesetzerInnen-Partys, selbst organisierte Kulturprojekte wie das “HippiH-Haus” und Spontandemonstrationen sind in Dortmund keine Seltenheit mehr. Das ist letztlich das Entscheidende: antifaschistische und linke Kultur langfristig zu etablieren und nicht nur einmal kurzfristig zu einem größeren Ereignis. Das ist zwar nicht alles auf unsere Demo zurückzuführen, aber sie hat ein weiteres Stück dazu beigetragen, linke Politik in Dortmund zu vernetzen und ist weiterhin integraler Bestandteil antifaschistischer Politik hier vor Ort.

let’s push things forward
Bei der diesjährigen Demonstration fällt der Demo-Samstag genau auf den 28.03., weshalb sich diesmal andere Möglichkeiten auftun. Unsere Demonstration wird dieses Jahr durch den so stilisierten Nazikiez Dorstfeld laufen. Und damit meinen wir nicht nur bis zum mittlerweile geräumten Neonaziladen “Donnerschlag“, sondern bis ins tiefe Dorstfeld, wo auch die meisten Neonazis aus dem Umfeld des “Nationalen Widerstands Dortmund” wohnhaft sind. Damit möchten wir zum einen mit dem “Mythos des braunen Szenestadtteils Dorstfeld” brechen und zum anderen ist es uns gerade in Dortmund wichtig, der Stadt und der lokalen Neonaziszene zu zeigen, dass es keine no-go-area gibt und wir eine solche auch nicht akzeptieren werden.
Auch die Kooperation innerhalb unseres Bündnisses ist dieses mal eine andere: So begrüßen wir die Zusammenarbeit mit der neu gegründeten Gruppe “antifaschistischer Impuls Dortmund” und sind erfreut, dass es diesmal ein breiteres Bündnis antifaschistischer Kräfte in Dortmund gibt und am Todestag selber, unsere Demonstration durch Dorstfeld und die Mahnwache an der U-Bahnhaltestelle Kampstraße, wo Thomas Schulz niedergestochen wurde, perfekt aufeinander abgestimmt wurden.

yes, we can
Am Samstag, dem 28. März, werden wir wieder mit einer entschlossenen antifaschistischen Demonstration an Thomas Schulz erinnern, in Dorstfeld den Nazikiez-Mythos als solchen entlarven und ihnen klar machen, dass wir keine no-go-area dulden werden und letztlich Stadt und Polizei zeigen, dass sich die antifaschistische Linke in Dortmund nicht einschüchtern lässt.

Kein Vergessen den Opfern neonazistischer Gewalt!
Gegen Neonazis und deutsche Verhältnisse!

Geschrieben von dem Antifaschistischen Bündnis 28.03., in dem wir auch assoziiert sind.
Veröffentlicht in der decrypt no. 4.

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