„Endlich seid ihr da!“

Am Samstag fand in Dortmund auf den Tag genau vier Jahre nach dem Mord an Thomas „Schmuddel“ Schulz die mittlerweile fünfte antifaschistische Demonstration in Gedenken an den ermordeten Punk statt. Dieser wurde am 28.03.2005 von dem Neonazi Sven Kahlin in der U-Bahn-Station Kampstraße brutal niedergestochen und verstarb wenig später an seinen Verletzungen. Die diesjährige Demonstration führte vom Dortmunder Hauptbahnhof in den Stadtteil Dorstfeld und war mit streckenweise über 800 Teilnehmern verhältnismäßig gut besucht.

Pünktlich zu Beginn der Auftaktkundgebung gegen 15 Uhr hörte dann auch der Regen allmählich auf und die DemonstrationsteilnehmerInnen konnten sich trockenen Fußes in Richtung Dorstfeld aufmachen. Zuvor jedoch wurde noch etwas Musik gespielt und dem Aufruf zur Demonstration zugehört, während auch die letzten verspäteten Züge mit DemonstrationsteilnehmerInnen eintrafen. Wegen angeblichen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz durfte die Demonstration zunächst nicht starten, gegen 15:40 Uhr setzte sich die Demonstration dann schließlich doch in Richtung Kampstraße in Bewegung.
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Das Fronttransparent
Dort angekommen wurde die erste Zwischenkundgebung abgehalten, auf der in einem Redebeitrag noch einmal auf den Mord an Schmuddel eingegangen und die Forderung nach einer Gedenktafel untermauert wurde. Aufgrund der Baustellensituation in der Dortmunder Innenstadt musste die Demonstration im Anschluss eine 180° Kehrtwende einlegen um auf den Wall zurück zu kehren. Über diesen ging es dann lautstark am Hauptbahnhof vorbei in Richtung Dortmund Dorstfeld.
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auf der Rheinischen Straße
Kurz vor der Dorstfelder Brücke auf der Rheinischen Straße wurde die Demonstration dann das erste Mal aufgehalten, als Polizeikräfte einen Demonstrationsteilnehmer am Ende der Demo herauszogen und verhafteten. Die Vermittlungsversuche der OrdnerInnen blieben erfolglos und die Polizei nahm den Teilnehmer in Gewahrsam. Nach einiger Verzögerung setzte sich die Demonstration dann wieder in Bewegung und gelangte zum ehemaligen Neonaziladen „Donnerschlag“. Hier folgte die zweite Zwischenkundgebung auf der noch einmal über den „Donnerschlag“ und den extrem rechten Versandshop „resistore“ des Dortmunder Neonazis Dennis G. informiert wurde. Während dieser Kundgebung wurde die Demonstration von einem offensichtlichen Neonazi aus dem ersten Stock einer Wohnung heraus abgefilmt. Da die Polizei nicht Willens war diese Provokation zu unterbinden, halfen sich die DemonstrationsteilnehmerInnen selbst, machten sich unkenntlich und beförderten allerlei Gegenstände in die Richtung des Neonazis.
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auf der Rheinischen Straße 2
Schließlich ging es weiter auf der Rheinischen Straße in Richtung Wilhelmplatz. Erfreuliche Szenen gab es dann in Dortmund-Dorstfeld: Als die Demonstration auf den Dorstfelder Hellweg einbog, ließen die Sympathiebekundungen der AnwohnerInnen nicht lange auf sich warten: Eine Gruppe von jungen Männern bedachte die Demonstration spontan mit Beifall, ein weiter junger Mann rief den Demonstranten zu: „Endlich seid ihr da!“. Besonders die vielen migrantischen EinwohnerInnen Dorstfelds gaben den DemonstrationsteilnehmerInnen ein durchweg positives Feedback. Als die Demonstration auf dem Dorstfelder Hellweg die Einmündung der Thusneldastraße passierte, bot sich den DemonstrantInnen ein groteskes Bild: Das Obergeschoß des Hauses der Emscherstraße 2 war mit zahlreichen schwarz-weiß-roten Fahnen „geschmückt“, auch auf der anderen Straßenseite in der Thusneldastraße war eine Wohnung mit Reichsflaggen bestückt. Außerdem wurde aus dem obersten Fenster der Emscherstraße 2 die Demonstration abermals abgefilmt.
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Fahnen und filmender Neonazi in der Emscherstraße 2
Kurz darauf wurde die Demonstration erneut durch die Polizei gestoppt, da die immer aggressiver werdenden Polizeikräfte versuchten vereinzelt Personen aus der Demo zu ziehen. Dies gelang auch in einigen Fällen, letztendlich wurden drei Personen an dieser Stelle wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz in Gewahrsam genommen. Außerdem hinderte die Polizei DemonstrantInnen daran Neonazipropaganda zu entfernen und ließ völlig überzogen die Personalien von Personen, die eigene antifaschistische Aufkleber klebten, aufnehmen.
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kleinere Rangeleien am Wilhelmplatz
Nach dieser etwas längeren Unterbrechung begann dann schließlich auf Höhe des Wilhelmplatzes in Dorstfeld die Abschlusskundgebung. Hier war neben einem kurzen Redebeitrag zur Neonaziszene des Stadtteils Dorstfeld noch ein etwas ausführlicherer Redebeitrag über die Neonaziszene des Kreises Recklinghausen zu hören. Gegen 17:40 Uhr wurde die Demonstration dann schließlich planmäßig aufgelöst und die TeilnehmerInnen begaben sich geschlossen zum S-Bahnhof Dorstfeld um von da aus gemeinsam die Rückreise zum Dortmunder Hauptbahnhof anzutreten.
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gegen Ende der Demonstration am Wilhelmplatz
Wie bei Demonstrationen üblich, gab die Polizei an diesem Tag wieder ein eher chaotisches Bild ab, meist wusste der eine Polizist nicht was der andere tat und der Einsatzleiter wurde generell als letzter informiert. Gegen Ende wurde durch das aggressive Verhalten der Polizeikräfte der Eindruck erweckt, die Polizei wolle die Situation auf dem Wilhelmplatz eskalieren lassen, was aber durch das besonnene Verhalten der DemonstrantInnen verhindert wurde.

Die VeranstalterInnen sind mit dem Ablauf der Demonstration im Großen und Ganzen zufrieden. Gerade vor dem Hintergrund der Großdemonstrationen in Frankfurt und Berlin und anderer antifaschistischer Mobilisierungen geht die Teilnehmerzahl in Dortmund absolut in Ordnung. Über 800 Menschen haben am Samstag gezeigt, dass sie Schmuddel immer noch nicht vergessen und die Notwendigkeit erkannt haben, dass in Dortmund längerfristige antifaschistische Arbeit von Nöten ist um das Problem mit den Neonazis in den Griff zu bekommen. Eine große Demonstration wie am Samstag ist erfreulich und ein Schritt in die richtige Richtung. Doch hierauf können sich AntifaschistInnen aus der Region nicht ausruhen. Es gibt noch viel zu tun.

Zu guter letzt sei noch anzumerken, dass die Dortmunder Neonazis am Samstag auch eine Demonstration abhielten. Diese führte ab ca. 17:45 Uhr von der S-Bahn Haltestelle Dorstfeld-Süd einmal durch die Peripherie Oberdorstfelds und wieder zurück. Die Demonstration mit nach Polizeiangaben 172 Teilnehmern blieb jedoch ohne jegliche Außenwirkung. Und auch sonst war an diesem Samstag im restlichen Dortmund relativ wenig von den Neonazis zu sehen.

Hier noch einige Fotos der Demonstration:

auftakt
Die Auftaktkundgebung vor dem Hauptbahnhof – noch sind nicht alle da…
seitentranspi
Seitentransparent
demospitze
Die Demospitze am Freistuhl
wall
Es ging über den Wall,…
u
… über die Rheinische Straße am U vorbei…
dorstfeld
…bis nach Dorstfeld.
abschlusskundgebung
Abschlusskundgebung auf dem Wilhelmplatz in Dorstfeld

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