Interview

In der aktuellen Ausgabe der decrypt findet Ihr ein Interview mit uns, welches wir auch hier dokumentieren möchten.

„Man sollte sich den 5. September 2009 schon mal vormerken.“

Interview mit der Antifaschistischen Union Dortmund zum Naziaufmarsch des „nationalen Antikriegstages“ in Dortmund

D: Könnt ihr kurz erläutern, was es mit diesem Naziaufmarsch auf sich hat und welche Bedeutung er für die Nazis hat?

AU: Der so genannte „nationale Antikriegstag“ fand nun bereits zum vierten Mal in Dortmund statt. Initiiert wurde das ganze 2005 von dem bekannten Dortmunder Neonazi Dennis Giemsch und seinen hiesigen Kameraden Dietrich Surmann und Alexander Deptolla, welche den „Autonomen Nationalisten“ zu zuordnen sind. Allerdings beteiligen sich mittlerweile mehrere Nazigruppen aus der Region, sowie zwei NPD-Kreisverbände an der gesamten Demo-Organisation. Schon allein hieran lässt sich einiges über die Bedeutung dieser Demo für die Nazis ablesen.
Seit ihren ersten Demonstrationen in Dortmund, welche teilweise massiv gestört und somit verkürzt werden konnten, konnten sie fortan ihre TeilnehmerInnenzahl stetig erhöhen und nun sogar europaweit für ihre Veranstaltung mobilisieren. So waren dieses Jahr – wenn auch nur vereinzelt – Nazis aus Belgien, Bulgarien, Tschechien, Österreich, Frankreich, England und den Niederlanden anwesend.

D: So wirklich ein eigenes Produkt der Dortmunder Neonazis ist der Antikriegstag ja nun nicht. Warum versuchen die Neonazis diesen gewerkschaftlich etablierten Tag, der eigentlich an den deutschen Angriff auf Polen erinnert, zu vereinnahmen?

AU: Da spielen zwei Aspekte eine entscheidende Rolle: Zum einen versuchen sie die Erinnerung an die deutsche Aggression mehr und mehr zu verdrängen und im gleichen Atemzug zu relativieren, indem sie die Vereinigten Staaten und Israel zu den beiden Kriegstreibern Nummer eins stilisieren, so als ob die deutsche Raserei nur eine unter vielen und sowieso nur von außen provoziert worden sei. Parallel zu der Nivellierung deutscher Barbarei, vollziehen sie so eine Selbstviktimisierung, indem sie die Deutschen als die eigentlichen Opfer der Geschichte darstellen. So knüpft dann die alte antisemitische Ideologie der Weltverschwörung an die neuen (alten) Feinde, den Staat der Juden und Amerika an.
Zum anderen: Neonazis demonstrieren seit einigen Jahren auch am 1. Mai, der ja bereits von ihren historischen Vorläufern vereinnahmt worden war. Jetzt versuchen sie, auch den Antikriegstag als festen Termin im Aufmarschkalender der Naziszene zu etablieren.

D: Wie schätzt ihr nun im Rückblick den Naziaufmarsch und eure Antifademo sowie andere Gegenaktivitäten ein? Vielleicht auch ein paar Worte zum Konzept der Polizei?

AU: Die Neonazis konnten ihre TeilnehmerInnenzahl zwar mehr als verdoppeln und die festgelegte Route fast vollends ablaufen, allerdings konnten sie damit höchstens für die eigene Szene relevante Erfolgserlebnisse verbuchen. Wir gehen auch davon aus, dass das Maximum des (wohlgemerkt: europaweiten) Mobilisierungspotentials so gut wie erreicht wurde.
Was die Gegenaktionen angeht, so muss man selbstkritisch einräumen, dass unsere Antifademo nicht den gewünschten Erfolg hatte. Zwar ist immer wieder kleineren Gruppen gelungen, bis zur Route vorzudringen, wirksame Blockaden sind jedoch nicht gelungen. Dies hat für uns mehrere Gründe: Zum einen hatten unser erfolgreicher militanter Widerstand am 1. Mai 2007, als auch die Ausschreitungen beim diesjährigen Naziaufmarsch am 1. Mai in Hamburg zur Folge, dass ein extrem großes Polizeiaufgebot direkte Aktionen erheblich erschwerte. Zum anderen hat auch die große räumliche Distanz zwischen Aufmarsch und Gegendemo uns Probleme bereitet. Doch wenn die Neonazis, wie jetzt wieder, jeden nicht massiv behinderten Aufmarsch als ihren Erfolg feiern, so gilt es klarzustellen, dass dies allein durch den Schutz tausender PolizistInnen möglich ist.
Positiv bewerten wir, dass mit WAP-Ticker, Internetradio, Infotelefon, EA und Demosanis eine gute Infrastruktur zur Verfügung stand. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten hat das auch alles wirklich gut funktioniert. Wir bedanken uns ausdrücklich bei allen, die uns hier unterstützt haben.

D: Im letzten Jahr kam es zu heftigen Pöbeleien und teilweise sogar zu Handgreiflichkeiten von Seiten so genannter Antinationaler, die sich über Israel- und vor allem USA-Flaggen echauffierten. In diesem Jahr kam es nicht zu derartigen Auseinandersetzungen, aber erneut gab es einen „antinationalen“ Block und einige Verbalattacken im Vorfeld. Haben sich die Spannungen trotzdem beruhigt?

AU: Von unserer Seite hat es da eigentlich nie Spannungen gegeben, die sich hätten beruhigen können oder müssen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es inhaltliche Differenzen zu einigen Gruppen und Personen aus dem sich selbst als antinational deklarierendem Spektrum gab und gibt. Aber für uns war eine antifaschistische Demonstration, die sich gegen einen Neonaziaufmarsch richtet, nie der passende Ort, um selbige auszudiskutieren oder noch schlimmer: auszufechten. Warum wir, gerade im Kontext der antisemitischen und antiamerikanischen Argumentationen rund um den Antikriegstag, eine klare Stellungnahme für Israel und eine klare Absage an antiamerikanische Welterklärungskonstrukte für richtig und gegeben erachtet haben und dies immer noch tun, haben wir in unseren Aufrufen argumentativ begründet. Und dennoch haben wir ja akzeptiert, dass sich diese Leute in einem eigenen Block formieren, denn wir wollten ihnen nicht die Möglichkeit nehmen, sich an den Protesten zu beteiligen und haben auch kein Interesse daran, die „Szenespalterei“ voranzutreiben. Aber da gibt es eben ein paar selbstverständliche Grenzen des Akzeptablen, die vor allem letztes Jahr überschritten wurden und auch dieses Jahr kam von diesen Leuten wieder einiges was sehr ärgerlich war.

D: Worauf spielt ihr da genau an?

AU: Dass letztes Jahr einer Antifaschistin gewaltsam eine USA-Flagge entrissen wurde, ist, denken wir, das krasseste Beispiel. Aber da waren auch andere Sachen, wie zum Beispiel das Rufen der bei Neonazis auch sehr beliebten Parole: „USA – Internationale Völkermordzentrale“. Dieses Jahr hat es auf der Demonstration keine derartigen Vorfälle gegeben, aber im Vorfeld wurde, beispielsweise bei Indymedia, einiges über die Demonstration und unsere Gruppe geschrieben, was da einfach nicht hingehört. Uns wurde vermehrt vorgeworfen, antideutsche Spalter zu sein, gerade von denen, die nichts Besseres zu tun hatten, als im Vorfeld einer so wichtigen Antifademo Lagerkämpfe zu provozieren.

D: Ihr sprecht von einer wichtigen Antifademo. Warum messt ihr den Protesten gegen den Aufmarsch am 6.9. eine größere Bedeutung bei?

AU: Zunächst mal finden wir es natürlich grundsätzlich wichtig, gegen Neonaziaufmärsche Widerstand zu leisten und sie zu be- oder verhindern, wenn das möglich ist. Aber der Aufmarsch Anfang September in Dortmund ist ein Versuch der hiesigen Neonaziszene, ein eigenes Event richtig groß aufzuziehen und fest zu etablieren. Dass mehr als 1.000 Neonazis am 6.9. durch Dortmund gelaufen sind, ist für uns sowohl auf die Hoffnung auf Randale nach den Erfahrungen in Hamburg zurückzuführen, als auch auf die Tatsache, dass Dortmund als Hochburg der „Autonomen Nationalisten“ gilt und daher für „AN“-Gruppen aus Regionen, in denen diese nicht so eine dominierende Rolle inne haben wie in NRW, attraktiv ist. Für uns heißt das, dass auch wir auf Unterstützung aus anderen Städten und Regionen angewiesen sind.
Zum anderen ist es für uns wichtig, eigene inhaltliche Akzente zu setzen. Wenn Neonazis bestimmte traditionell linke Themenkomplexe zu okkupieren versuchen und einige Linke, statt der kritischen Reflexion eigener Argumentationen, den Nazis perfide Strategien zur Unterwanderung und Vereinnahmung unterstellen, so ist dies wenig hilfreich. Antifaschistisch motivierte Kriegs- und Militarismuskritik muss sich von neonazistischen Argumentationsmustern deutlich abzugrenzen wissen und darf keine ideologischen Anknüpfungspunkte bieten. Deshalb ist es für uns wichtig, ein klares Zeichen gegen Antiamerikanismus, Antisemitismus und deutsche Zustände zu setzen und für einen entsprechenden Minimalkonsens einzutreten.

D: Wie schätzt ihr die Situation fürs nächstes Jahr ein?

AU: Wenn wir verhindern wollen, dass die Neonazis jetzt jedes Jahr wieder kommen, und schlimmstenfalls immer mehr werden, ist es wichtig, ihnen mit erfolgreichen Gegenaktivitäten entgegenzutreten. Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass die „Autonomen Nationalisten“ nächstes Jahr erneut durch Dortmund laufen wollen. So spricht auch der bundesweit bekannte Neonazi Christian Worch davon, dass sich dieser Naziaufmarsch als ein „fester Termin auf der nationalen Agenda etabliert“ habe. Von daher ist es wichtig, dass die Bedeutung, die dieser Tag hat, auch über die Grenzen NRWs und der näheren Umgebung hinaus von Antifaschistinnen und Antifaschisten begriffen wird. Denn von Bedeutung und TeilnehmerInnenzahl her, reiht sich dieser Naziaufmarsch auf jeden Fall zwischen dem 1. Mai und dem 13. Februar (Dresden) ein. Man sollte sich den 5. September 2009 also zweifelsohne schon mal vormerken.

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