…denn es ist unsere Stadt!

Aufruf zur antifaschistischen Demonstration in Gedenken an Thomas „Schmuddel“ Schulz am 29.03.2008 in Dortmund!

Drei Jahre ist es mittlerweile her, dass am Abend des 28. März 2005 der Punk Thomas „Schmuddel“ Schulz in der U-Bahn-Station Kampstraße von dem damals 17-jährigen Nazi-Skin Sven Kahlin brutal niedergestochen wurde und kurze Zeit später verstarb. „Schmuddel“ wollte die rechten Provokationen Kahlins nicht unkommentiert lassen und bezahlte seinen Mut und seine Zivilcourage letztendlich mit seinem Leben. Die organisierte Neonazisszene in Dortmund sprach in Bezug auf Kahlin von einem „Kameraden“ und nur wenige Tage nach dem Mord erschien auf einem bundesweiten Neonaziportal im Internet eine Erklärung in der es hieß: „Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet: Dortmund ist unsere Stadt!“ Damit hatte die Gewalt der Neonazis in Dortmund ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Auch nach der Tat nahmen die Aktivitäten der Neonazis keinen Abbruch. Diese reichten von der Verbreitung von Plakaten und Aufklebern über ihre regelmäßig stattfindenden Aufmärsche bis zu gewalttätigen Überfällen. Im Vorfeld der letztjährigen Gedenkdemonstration für „Schmuddel“ verklebten sie beispielsweise in der ganzen Stadt, insbesondere entlang der Route der antifaschistischen Demonstration Aufkleber, auf denen neben der unverhohlenen Drohung „Antifaschismus ist ein Ritt auf Messersschneide!“ ein blutverschmiertes Messer abgebildet war. Diese geschmacklose Anspielung dokumentiert allzu deutlich, dass die Strategie der Neonazis neben ihrer häufigen Präsenz auf den Straßen durch Kundgebungen und Aufmärsche die Einschüchterung ihrer Gegner ist. Mit ihren zahlreichen, mittlerweile immer von Dennis Giemsch angemeldeten, Aufmärschen durch Dortmund wollen sie ihre vermeintliche Dominanz unter Beweis stellen und den Eindruck entstehen lassen, es gäbe hier keine Menschen, die sich ihnen in den Weg zu stellen bereit wären.

Durch den entschlossenen Protest von AntifaschistInnen, die dieser Wunschvorstellung zum Trotz an den Demonstrationen des Bündnis 28.3. teilnahmen und nicht selten dafür sorgten, dass die Aufmärsche der Neonazis keineswegs störungsfrei verliefen, sondern wie am 3.9.2005 oder am 28.1.2006 umgeleitet bzw. frühzeitig abgebrochen werden mussten, wurde das größenwahnsinnige Selbstbild der Neonazis mehr als einmal erschüttert. Die größte Schlappe war für Giemsch, Deptolla, Surmann und die aus ganz Westdeutschland angereisten „Kameraden“ jedoch ihr Aufmarsch am 1.Mai. Nachdem mehrere hundert AntifaschistInnen die S-Bahnstrecke, über die die Neonazis eigentlich zum Ort ihrer Auftaktkundgebung anreisen wollten, mit brennenden Barrikaden blockiert hatten, saßen hunderte von ihnen für mehrere Stunden am Hauptbahnhof und in Dorstfeld fest. Nur durch einen von der Polizei organisierten Shuttleservice mit städtischen Bussen konnten sie mit erheblicher Verspätung und gedämpfter Stimmung zu ihren „Kameraden“ stoßen, die die erste Hälfte der Route bereits mit nur 200 Teilnehmern hinter sich gebracht hatten und mittlerweile bei ihrer Zwischenkundgebung angekommen waren. Das mediale Entsetzen über die „gewalttätigen Ausschreitungen linker Chaoten“ darf auf keinen Fall darüber hinwegtäuschen, dass dieser antifaschistische Protest gegen die Neonazis, im Gegensatz zum volkfestartigen Zusammen kommen des DGB im Westfalenpark, erfolgreich war und Wirkung erzielt hat.

Dass sich den Neonazis in Dortmund niemand entgegenstellt ist also schlichtweg falsch. Das musste auch Thorsten Kellerhof feststellen, der in Bochum das Bekleidungsgeschäft „Goaliat“ betrieben hatte, in dem u.a. Kleidungsstücke der Nazimarke „Thor Steinar“ zum Verkauf angeboten wurden. Nachdem er den Laden in Bochum wegen der anhaltenden Proteste schließen musste, hatte er sich offenbar gedacht, dass er in Dortmund auf weniger Gegenwehr stoßen würde und eröffnete abermals ein Geschäft mit unverändertem Warenangebot auf der Hohen Straße. Die Antifaschistische Union Dortmund und das Antifaschistische Bündnis 28.03. klärten über die Presse die Dortmunder Bürgerinnen und Bürger auf und nachdem bereits kurz nach seiner Eröffnung die Schaufenster des „Goaliat“ in Mitleidenschaft gezogen wurden und der Protest gegen den Laden weiter anhielt, sah sich Kellerhof abermals dem Druck nicht gewachsen und schloss sein Geschäft schon nach kurzer Zeit wieder.
Ein in diesem Kontext an den BVB gerichteter offener Brief der Antifaschistischen Union führte sogar dazu, dass der Verein das Tragen von „Thor Steinar“ Kleidung innerhalb des Westfalenstadions verbot. Solche Erfolge machen deutlich, dass konsequente antifaschistische Gegenwehr nicht nur der öffentlichen Selbstinszenierung der Neonazis ein Ende machen kann, sondern auch ihre Strukturen nachhaltig schwächt.

Das Neonaziproblem aufgrund dieser Einsicht zu unterschätzen oder zu glauben, die Lage in Dortmund hätte sich grundlegend verbessert, wäre jedoch völlig falsch. Denn die „politische“ Praxis der erlebnisorientierten Autonomen Nationalisten ist durch ein Moment geprägt, das auch in ihrer Ideologie einen hohen Stellenwert einnimmt: Gewalt. Ihre politische Bedeutungslosigkeit hilft denen, die von ihnen überfallen, gejagt oder zusammengeschlagen werden, herzlich wenig. Dies gilt z.B. für die Besucher der Gaststätte „Casablanca“ in der westlichen Dortmunder Innenstadt. Die überwiegend von MigrantInnen besuchte Gaststätte wurde in der Nacht zu Samstag den 17. November 2007 von etwa 30 Neonazis unter Einsatz von Schlagstöcken, Pflastersteinen und einer Schusswaffe angegriffen. Ebenso sind die mittlerweile zahlreichen Überfälle auf die Innenstadtkneipe Hirsch Q und unzählige Pöbeleien und Angriffe auf Jugendliche, die von den Neonazis als Linke ausgemacht wurden zu erwähnen. Die Präsenz der Neonazis, die sich mittlerweile immer öfter in der im Brückstraßenviertel gelegenen „Coronita-Bar“ einfinden, in der Dortmunder City stellt somit ein nicht zu unterschätzendes Problem dar. Ein Problem, das durch die Tatsache erschwert wird, dass offenbar viele Partywütige, die sich in Dortmund die Nächte vertreiben, entweder die Neonazis gar nicht als solche erkennen, weil zumindest die Autonomen Nationalisten mittlerweile aussehen wie Skater oder Antifas, oder weil sie sich an ihnen schlichtweg nicht stören. Dabei wäre es gerade wichtig, dass die Neonazis in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen, dass sie unerwünscht sind und dass ihre Anwesenheit keine Duldung erfährt. Deshalb muss sich in Dortmund wieder eine starke antifaschistische Jugend formieren und als solche in Erscheinung treten. Junge Antifaschistinnen und Antifaschisten müssen überall dort, wo die Neonazis sich ungestört bewegen zu können glauben, also in der Innenstadt, im Stadion oder auf der Kirmes, präsent sein und ihnen die Räume entreißen. Es gibt in Dortmund keine „national befreiten Zonen“, aber es gilt, diesen Status quo nicht bloß zu verteidigen, sondern im Gegenteil no-go-areas für Neonazis zu erkämpfen. Der Wille eines jeden einzelnen ist dafür notwendig. Ebenso wichtig ist es aber, dass wir uns organisieren! Denn nur gemeinsam sind wir stark und können erfolgreich gegen die Neonazis in dieser Stadt kämpfen und sie aus dem öffentlichen Raum vertreiben.

Organisiert euch! Bildet Banden! Schlagt zurück!
Für einen Antifaschismus, der den Neonazis Beine macht!

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