Spontandemo nach Urteil im Mordprozess

Anlässlich der heutigen Urteilsverkündung des Dortmunder Landgerichts im Mordprozess gegen den 18-jährigen Dortmunder Neonazi Sven Kahlin versammelten sich in den Abendstunden des 17. November 80 autonome AntifaschistInnen und FreundInnen des Ende März ermordeten Thomas „Schmuddel“ Schulz vor dem Landgericht in der Dortmunder Innenstadt.
Zu beginn stellte ein Redner klar: „Wir fordern keine härteren Strafen für Neonazis, sondern protestieren gegen die Entpolitisierung der Tat und fordern eine öffentliche Auseinandersetzung. Es kann nicht sein, dass die tatsächlichen und potentiell Betroffenen neonazistischer Gewalt mit diesem Problem alleine gelassen werden.“

Am gestrigen Nachmittag wurde Sven Kahlin zu 7 Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Abgesehen von dem geringen Strafmaß, bildet die Verkündung des Richters, er könne keinen politischen Hintergrund der Tat erkennen den Höhepunkt der Frechheiten in diesem Prozess. Bereits während des nicht öffentlichen Verfahrens tauchten in der Presse Berichte auf, in denen Verlautbarungen aus dem Gericht, beide seien alkoholisiert gewesen und „Schmuddel“ habe provoziert, übernommen wurden.
Die simple Feststellung, dass es den Mord nicht gegeben hätte, wenn Sven Kahlin kein Neonazi wäre und „Schmuddel“ als Punk nicht ein von ihm ausgemachter Feind, scheint der unabhängigen Presse nicht in den Sinn zu kommen. Muss ein Neonazi sich erst auf die Stirn schreiben, dass er einen politischen Mord begeht, damit auch der letzte Richter und die letzte Journalistin auf eben diesen Gedanken kommt? Der neonazistische Hintergrund des Täters, selbst Polizei und Staatsanwaltschaft räumten nach dem Mord ein, er sei ein mehrfach aufgefallener „Mitläufer der rechten Szene“, wurde im Prozess offenbar vollkommen ausgeblendet.

„Dass der Jugendliche bei dem verhängnisvollen Aufeinandertreffen zum Messer griff, hat ihrer Meinung nach vielmehr mit seiner „totalen Überforderung“ zu tun“ sekundieren die lokalen „Ruhrnachrichten“ am heutigen Freitag dem Richter. „In dem darauf folgenden Streit soll sich der 17-Jährige bedrängt gefühlt haben.“ So viel Mitleid gab es selten für einen Nazi-Täter.
Um ihrer Wut und Trauer Ausdruck zu verleihen und um der Entpolitisierung der Tat entgegen zu treten zogen die Antifas in einer spontanen lautstarken Demonstration durch die dank der gestrigen Eröffnung des Weihnachtsmarkts stark besuchte Dortmunder City. Parolen und Flugblätter informierten durchaus aufgeschlossene PassantInnen über den Anlass der Demonstration. An mehreren Plätzen klärte ein Redner via Megaphon über den politischen Charakter der Tat und die von der rechten Szene der Stadt ausgehende Gefahr auf und verwies auf die Notwendigkeit des antifaschistischen Vorgehens gegen die Neonazis. In diesem Kontext stellte er klar: „Wir wehren uns dagegen, dass die Übergriffe entpolitisiert und lediglich als Konflikte rivalisierender Jugendlicher betrachtet werden. Gleichzeitig verwehren wir uns gegen die Gleichsetzung rechter Gewalt und antifaschistischer Gegenwehr.“

Die Demonstration zog zur U-Bahn-Station Kampstraße, dem Ort, an dem „Schmuddel“ am 28. März ermordet wurde. Hier legten die DemonstrantInnen abschließend eine Gedenkminute ein. Um 20:00 Uhr wurde die Demonstration mit der von den Stadtwerken nach wie vor unerfüllten Forderung nach einer Gedenktafel am Tatort und der Forderung nach finanzieller Entschädigung für die Hinterbliebenen beendet.

Neonazis ließen sich zu Gunsten ihrer Gesundheit nicht blicken, die überraschte Polizei hielt sich freundlicher Weise zurück.

Fotos hier.

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